Für Simi …

Schawinsky fragt seine Gäste jeweils, nachdem er sie bereits vorgestellt hat, überflüssigerweise noch wer sie sind: Ich bin der jüngere Sohn von Schlegel Moritzens Pauls Paul … ja, der jüngere von den beiden. Der, der schon immer etwas schräg war. In Standardsprache klingt das aber alles irgendwie eigenartig. Dort, wo ich aufgewachsen bin, würde es heissen: dr jüngr vu z’Schleigeli Moritze Pauls Päulis Buebe vu dr Sage … Weisst du jetzt mehr? – Ich eigentlich auch nicht. Diesen Moritz habe ich schliesslich nie kennengelernt, und von Grossvater Paul sind mir auch fast nur seine schlohweissen Haare in Erinnerung geblieben, und der (gute!) Ratschlag, den er meinem Vater einmal gegeben hatte, als sich dieser bei ihm beklagte, seine Erziehungsversuche würden bei mir nicht fruchten: „Lass den Jungen nur machen! Der kommt schon recht heraus.“ Bravo Nini, das hast du schön gesagt! Und Recht hast du gehabt! Ja schon, aber wer bin ich denn jetzt? Ganz einfach: Simis Onkel, der, der abgehauen ist. Nach Panamá.
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Muttersprache

Neulich hat mich Roli gefragt, warum denn eigentlich in der deutschen Sprache im Plural alles weiblich sei, sogar die Männer.

„Hä?“, habe ich geantwortet, „Ich verstehe nicht, was du meinst.“ – „Ja, es heisst doch der Mann, aber die Männer. Oder das Tier und die Tiere. In der Mehrzahl ist immer alles die, also weiblich.“

„Ach sooooo. Ja, gut, also das ist so …“ – Aber jetzt soll mir doch einmal einer sagen, wie ich das einem Latino erklären soll, der sowieso nicht versteht, weshalb wir in der deutschen Sprache so viele verschiedene Artikel brauchen.

„In der spanischen Sprache genügen doch auch nur zwei“, murrt er, „el und la. Nun gut, in Ausnahmefällen gibt es auch noch lo. Aber das ist selten, und die Mehrzahl von el ist los und die von la ist las. Da sieht man doch wenigstens auf einen Blick was männlich und was weiblich ist. Ihr habt die, der, das, den, dem, des … und kein Schwein versteht, wann man welchen Artikel brauchen soll. Einmal heisst es die Mutter und dann wieder der Mutter. Keine Spur von Logik …“

„Zugegeben, ganz einfach ist es tatsächlich nicht“, versuche ich ihn zu beruhigen, „das hängt mit den vier Fällen zusammen. Aber wenn du ….“, weiter komme ich nicht. – „Und das mit den vier Fällen macht ihr doch sowieso nur, um uns das Lernen zu vermiesen ….“, knurrt er.

Ich verstehe ihn ja. Als Ü60er noch Deutsch lernen zu müssen/wollen ist zweifellos keine leichte Aufgabe. Auch für einen intelligenten Menschen. Aber er hätte ja schon mit 50 anfangen können, als sich nämlich abzeichnete, dass unsere ‚Selbsthilfegruppe‘, die uns eigentlich nur befähigen sollte, den Tod unserer beiden Partner besser bewältigen zu können, in eine neue Partnerschaft münden würde. Hat er aber nicht. Dafür muss er jetzt halt mit 65 an die Säcke!

Das bringt notgedrungen den Umstand mit sich, dass auch ich mich mit meiner Muttersprache wieder intensiver auseinandersetzen muss. So tauchte bei mir zum Beispiel ganz unvermittelt die Frage auf, warum wir eine Muttersprache, aber keine Vatersprache haben. Und das nicht etwa nur in der deutschen Sprache. Es gibt auch die langue maternelle, the mother tongue, la lengua materna, la lingua madre usw.

Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass früher eben praktisch ausschliesslich die Mütter für die Erziehung, und damit auch für den Spracherwerb ihrer Sprösslinge zuständig waren. Allerdings viel früher, nämlich damals, als Männer noch Frauen aus der eigenen Dorfgemeinschaft schwängerten, sie vielleicht sogar heirateten und für die Aufzucht ihrer Nachkommenschaft verantwortlich machten.

In meinem Fall geht die Theorie bereits nicht mehr ganz auf. Mein Vater, aus dem Sarganser Oberland, lachte sich nämlich eine Aargauerin an und holte diese nach Flums, wo ich und vier weitere Geschwister einer glücklichen(?) Ehe entsprossen und aufgezogen wurden. Resultat: wir lernten nicht die Sprache (den Dialekt) unserer Mutter, sondern die der Dorfgemeinschaft unseres Vaters, also eigentlich die Vatersprache, welche deutliche Unterschiede zur Sprache unserer Mutter aufwies.

Noch deutlicher wird die linguistische Fehlkonstruktion des Begriffs Muttersprache, wenn wir globalisierte Ehen anschauen. Zum Beispiel Vater Italiener, Mutter Französin und aufgewachsen in Deutschland. Als ‚Muttersprache‘ wird daraus wahrscheinlich Deutsch resultieren, selbst wenn weder Mutter noch Deutsch sprechen. Elternsprache wäre also auch keine valable Alternative.

Abgesehen davon, dass die ‚Muttersprache‘ nicht zwingend etwas mit unserer Mutter, oder eine allfällige Vatersprache nicht etwas mit dem Vater zu tun haben muss, wäre ein neu zu schaffender Begriff ‚Hauptsprache‘ viel klarer, zumal heute viele Menschen mehrere Sprachen fliessend beherrschen.

„Und warum ist übrigens das Wort Sprache weiblich?“, will Roli wissen. „Eine Sprache ist doch weder Mann noch Frau, weder Junge noch Mädchen. Also wäre doch logischerweise das Sprache korrekt. – Oder dann das Kind. So ein Schmarren! Ein Kind ist doch keine Sache! Auf Spanisch sagen wir el niño für einen Jungen und la niña für ein Mädchen. Also wäre es doch nur logisch, auf Deutsch einen Jungen als der Kind und ein Mädchen als die Kind zu bezeichnen“.

Ja, wo er recht hat, da hat er recht. Um die Sache ausländerfreundlicher, globalisierungsgerecht und gendergängig zu machen, schlage ich deshalb vor, dass der Begriff Muttersprache bei der nächsten Sprachreform in den neuen Begriff ‚das Hauptsprache‘ überführt wird und dass Kinder ab sofort auch Anrecht auf einen männlichen und einen weiblichen Artikel haben. Einverstanden? – Ich auch nicht 🙂

Zimmer mit Aussicht

Intermezzo

Bevor ich an meiner Lebensgeschichte weiterschreibe, hier ein kleines Intermezzo vom vergangenen Wochenende …

Mitten in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag, um 02:10h, um genau zu sein, erwachte ich mit starken Rückenschmerzen. Ein verkrampfter Muskel? „Wahrscheinlich irgendwie blöd gelegen“, dachte ich, „ein paar Lockerungsübungen und ein Glas Wasser, dann schlafe ich weiter.“

Qué va! – Wunschdenken! Die Schmerzen wurden zunehmend heftiger, jetzt auf der ganzen linken Seite des Brustkorbs, brutal, kaum auszuhalten, und sie liessen nicht mehr nach. Da ich letztes Jahr – auch kurz vor einem Flug von Panamá nach Zürich – etwas Ähnliches erlebt hatte, allerdings nur 2-3 Minuten lang, danach in der Schweiz aber ziemlich zügig zwei Stents verpasst bekam, wurde ich den Gedanken nicht mehr los, dass es wieder ‚Herzensangelegenheiten‘ sein könnten. … Scheisse! Und jetzt? Ich will nicht, dass mir ein Arzt verbietet, in die Schweiz zu fliegen!

Irgendwann hörte mich Roli stöhnen und keuchen, und er vermutete richtigerweise nicht, dass ich vielleicht einen nächtlichen Besucher haben könnte, von dem er nichts wusste. Auf jeden Fall kam er wie von der Tarantel gestochen aus dem Schlafzimmer geschossen und … wusste zuerst einmal nicht, was er tun sollte. Der Schreck und die Angst standen ihm in grossen, fetten Lettern ins Gesicht geschrieben.

Schliesslich fasste er sich, rief entschlossen in der Klinik in Punta Pacífica an, um einen Notfall anzumelden, und karrte mich danach auf direktestem Weg dorthin, obwohl die Regierung in Panamá wegen der Pandemie von 21 Uhr bis 05 Uhr ein Ausgehverbot über die ganze Stadt verhängt hatte.

In der Notfallaufnahme wurde ich sofort auf einen Schragen dirigiert, und es wurde eilig ein Medikamentenkanal gelegt, über den Schmerzmittel und weiss-der-Kuckuck-was-alles in meine Venen geleitet wurden. Es folgten Ultraschall, Röntgen, Blutdruck messen selbstverständlich, ein Kardiogramm, dann wieder Ultraschall und noch ein Kardiogramm, alle paar Minuten wieder Blutddruck und Fieber messen … Das medizinische Personal schwirrte um mich herum wie Fliegen um einen Misthaufen. Schläuche und Kabel links, Schläuche und Kabel rechts … voll verdrahtet!

In der Notfallaufnahme war es so kalt, dass sich bei mir schon bald einmal Harndrang bemerkbar machte. Und zwar zünftig. Warum hatte ich bloss geglaubt, mit viel Wasser könnte ich den Muskelkrampf lösen? Grrrr….. das hatte ich nun davon. Ich hätte besser einen doppelten Whiskey runtergekippt, um die Arterien zu erweitern. „Äxgüsi, darf ich vielleicht einmal schnell ….“ – „Wie stellst du dir das vor? Kommt nicht infrage! Wir bringen dir eine Flasche.“ – „Hä? Im Ernst?“

Ich bin nun bald 70 und in meinem ganzen bisherigen Leben musste ich nie in eine Flasche pinkeln. Nie! Aber nun hatte ich keine Wahl. Ich war ja mit all den Schläuchen und Kabeln praktisch an den Schragen gefesselt. Also gut dann halt, Augen zu und Hosenschlitz auf … Scheisse, war das peinlich!

Gegen 7 Uhr teilte mir ein Pfleger mit, ich müsste nun bloss noch auf den Kardiologen warten, und dann könnte ich wohl wieder gehen. Ich war erleichtert.

Der angesagte Kardiologe kam um 9 Uhr, Norberto Calzada, hiess er, und der sagte schon nach einem kurzen Blick auf die Resultate, die man ihm vorgelegt hatte: „Kommt gar nicht infrage, dass du so nach Hause gehst. Und fliegen am Freitag musst du dir wahrscheinlich auch abschminken. Du wirst jetzt hospitalisiert, und noch heute (es war in der Zwischenzeit Sonntagmorgen) machen wir einen Cateterismo Cardíaco (eine Herzkatheteruntersuchung).“ Na, bravo. Gute Reise dann!

Ich wurde durch ein Labyrinth von endlosen Gängen zu einem Bettenlift geschoben und in den sechsten Stock befördert, wo ich das Zimmer 608 bekam, mit Aussicht auf die Stadt, und hoffentlich auch auf Besserung. Um 13 Uhr sollte ich für den Cateterismo Cardíaco abgeholt werden. Tatsächlich ging es um 14 Uhr los. Also pünktlich, nach panamaischen Massstäben.

Der OP, wenn man den Interventionsraum so nennen darf – das ist nicht despektierlich gemeint, ich weiss es einfach nicht besser – lag im Parterre. Also wieder zurück durch das Labyrinth und mit dem Aufzug nach unten.

Dr. Calzada erwartete mich mit seinem Team in einem Raum, der mit imposanten Maschinen und summenden Geräten bis unter die Decke vollgestopft war. Alles weiss in weiss. Ausser dem Personal. Norberto Calzada erklärte mir, was er nun genau tun würde und, dass ich, wenn alles gut verliefe, in ungefähr 30 Minuten aus einer leichten Narkose aufwachen würde … Falls die Untersuchung jedoch eine sofortige Öffnung des Brustkorbes erfordern würde, dann soll ich bitte nicht erschrecken, denn dann würde ich erst auf der Intensivstation wieder – aus einer dann allerdings tiefen – Narkose aufwachen. „So schlimm?“ fragte ich. – „Das kann ich noch nicht sagen. Das hängt davon ab, was ich da drin vorfinde ….“ – Boah! Diese Mitteilung gab mir einen ziemlichen Dämpfer.

Ich erwachte nicht nach 30 Minuten aus der Narkose, sondern nach 90 Minuten. Aber immerhin: nicht auf der Intensivstation. – Dann gings flott zurück in den sechsten Stock.

Alle paar Minuten bekam ich Besuch: Pfleger, Pflegerinnen, Ärzte und Ärztinnen, Servierpersonal, eine Reinigungsequipe und natürlich Dr. Calzada, der sich persönlich um mich kümmern wollte. Alle drei Stunden – auch während der Nacht – wurde der Blutdruck gemessen, und weil man ja schon da war, steckte man mir gleichzeitig auch einen Fiebermesser unter den Arm – und jedesmal (jedes Mal!) wurde ich nach meinem Namen und Vornamen gefragt, und selbstverständlich auch nach dem Geburtsdatum, damit ja nicht der falsche Patient behandelt würde, selbst dann, wenn mir eine nette junge Dame bloss etwas zu essen brachte. Wäre ja noch schöner, wenn mir da einfach irgendjemand wegen einer dummen Verwechslung all diese Köstlichkeiten weggefressen hätte!

Es wurde Montagmorgen, endlich, und ich freute mich auf eine baldige Entlassung, als wieder eine junge Dame mit einem grossen Schreibblock in mein Zimmer trat und mich fragte, was ich denn gerne zum Mittagessen hätte. „Cómo? – No, nada … Hä? Nein danke. Das ist ein Missverständnis. Ich werde heute Vormittag entlassen“, entgegnete ich. „Wohl kaum“, flötete sie, „Entlassungen finden hier in der Regel am Nachmittag statt.“ – „Egal, ich habe keinen Hunger und möchte kein Mittagessen.“ Um diese Entscheidung zu bestätigen, musste ich ein Verzichtsformular unterschreiben, genau gleich wie schon am Vorabend, nachdem ich am Nachmittag, kurz nach dem Eingriff, ein höchst gesundes Menu bekommen hatte: ohne Fett, ohne Zucker, ohne Salz und leider auch: ohne Geschmack. Aber wenigstens gesund war es schon. So gesund, dass ich jetzt sicher hundert Jahre alt werde.

Dann wurden einmal mehr alle Vitalwerte gemessen, wieder ein Kardiogramm aufgezeichnet, und als ich einmal kurz allein war und grad keiner meiner ‚Anschlüsse und Kanäle‘ an einem externen Schlauch hing, huschte ich flink unter die Dusche und zog die mir danach die frischen Kleider an, die Roli mir aufs Zimmer hatte bringen lassen. Er selbst hatte mir das Köfferchen nicht bringen dürfen. Vorsichtmassnahmen wegen der Pandemie …

Als gegen 10 Uhr Dr. Calzada kam, fand er mein Bett leer vor. Ich sass bereits geputzt und gestriegelt in voller Montur auf einem der bequemen Besuchersessel und liess keinen Zweifel daran aufkommen, dass ich mit einer – meinetwegen unüblichen, aber eindeutig erwarteten – Entlassung am Vormittag rechnete. Dr. Calzada willigte ein.

Nun musste ich mich bloss noch an das Protokoll halten. Ich sollte in meinem Zimmer warten, bis man mir telefonisch mitteilte, dass die Rechnung bereit sei. Wie in einem Krimi 🙂 .Das dauerte eine ganze Stunde. Die Rechnung wurde mir dann dafür sogar aufs Zimmer gebracht, d.h. eigentlich die Quittung. Die Rechnung hatte Roli nämlich bereits beglichen. Er wollte wohl vermeiden, dass ich beim Anblick der grossen Zahlen doch noch einen ausgewachsenen Infarkt produzierte. Die Geschichte kostete nämlich ziemlich genau gleich viel wie vor einem Jahr die Installation der beiden Stents anlässlich eines Cateterismo Cardíaco in der Schweiz.

Zusammen mit der Überbringerin der Quittung wollte ich das Zimmer verlassen. – „Nein, nein du darfst die Klinik nicht zu Fuss verlassen“, hielt sie mich zurück, „wir schicken dir gleich einen Rollstuhl.“ – „Hä??? – Ich kann doch zu Fuss da runter. Dr. Calzada sagte doch, dass mit den Medikamenten, die er mir verschrieben hat, keine Gefahr mehr besteht. Dass ich am Freitag sogar fliegen kann ….“ – „Ja, schon, aber das Protokoll der Klinik schreibt vor, dass alle Patienten in einem Rollstuhl zum Ausgang gebracht werden. Alle. Ohne Ausnahme.“

Also gehorchte ich und liess mich eine Viertelstunde später vom Pfleger José zum Ausgang im Parterre schieben, wo Roli schon seit zwei Stunden geduldig auf mich wartete. Stimmt natürlich nicht: mein Kleiner Amerikaner platzte schier vor Ungeduld!

Zuerst begaben wir uns zu einer Apotheke, um die Medikamente zu kaufen, die Norberto Calzada mir verschrieben hatte. „Das erste Medikament auf deiner Liste ist leider ausgegangen, und das dritte, das dürfen wir gar nicht verkaufen. Das gibt es nur in einem Spital. Aber das zweite haben wir.“ Aha. Also gut, so kauften wir halt wenigstens das zweite Medikament und begaben uns wieder zurück zur Klinik. Dort bekamen wir das erste Medikament, aber das dritte, nein, das hätten sie auch nicht vorrätig, das könnten sie nur bestellen, aber das dauere … Wir versuchten es noch in zwei anderen Spital-Apotheken, bis uns eine Fachfrau schliesslich sagte, Nitroglycerin würde in Panamá überhaupt niemand verkaufen, dafür bräuchte es nämlich eine Sonderbewilligung …

Nitroglycerin? Hatte ich richtig gehört? Entziffern konnte ich die Sauklaue des sympathischen Herrn Doktor selber ja nicht. Ich erfuhr erst aus dem Mund dieser Apothekerin, dass ich Nitroglycerin kaufen sollte. – Nun, vielleicht ist es ja sogar besser, dass es das in Panamá gar nicht gibt. Wer weiss, sonst würde ich womöglich am Freitag am Flughafen noch als mutmasslicher Terrorist verhaftet! Schliesslich wissen die meisten Menschen ja nur, dass Nitroglycerin hoch explosiv ist. – Dass das aber für das Medikament nicht gilt, wissen sie natürlich nicht. Aber was, wenn der Offizier am Flughafen in Panamá das auch nicht wüsste? Oder der in Madrid, bei der Zwischenlandung? Ich habe im langweiligen Fernsehprogramm in Panamá aus Ermangelung von etwas Besserem zur Not schon ab und zu Alerta Aeropuerto gesehen – mit denen ist nicht zu spassen. Ich lasse besser die Pfoten weg von dem Zeug!

Zuhause angekommen, schrieb ich Dr. Calzada, dass Nitroglycerin in Panamá nicht erhältlich sei und fragte ihn, was ich tun soll: „Gibt es eine Alternative? Oder soll ich es erst in der Schweiz kaufen?“ – „Ja, ja, dann kauf es halt erst in der Schweiz. Ich nehme an, dass du es sowieso nicht brauchst. Und übrigens: ich gratuliere dir zum Sieg der Schweizer Nati über Frankreich.“ – Aha. Wieso hat er es mir denn überhaupt verschrieben?

However. Ich bin jetzt wieder zuhause und bereite mich auf den langen Flug in die Schweiz vor. Nächste Woche frage ich dann meinen Hausarzt, der übrigens nicht nur Allgemeinpraktiker ist, sondern auch Kardiologe, was er von der seltsamen Geschichte hält.

Ich hoffe nun einfach, dass mein Pumpwerk wieder so arbeitet wie es in den medizinischen Schulbüchern geschrieben steht, und ich mindestens bis zur Landung in Zürich keinen Sprengstoff für verstopfte Koronargefässe brauche. Schliesslich bin ich ein Schweizer Qualitätserzeugnis und auch meine Pumpe ist made in Switzerland

Drück mir die Daumen, falls du das vor Freitag liest … 🙂 – bis bald.

Phase II

Kern der Phase II wäre eigentlich gewesen, seine Reaktion zu testen, wenn ich Toni sagen würde, dass ich ihn nicht einfach nur mochte

Darüber hätte er sich doch sicher freuen müssen, oder nicht? Oder wäre das aufdringlich gewesen? Zu kompromittierend? Hätte er sich auf diese Weise zu einer Entscheidung gedrängt fühlen können? Und was, wenn er sich entschieden hätte, die Reissleine zu ziehen und eine Fliege zu machen?

Vielleicht war ich für ihn ja einfach ein … ja, ein was eigentlich? Eine Ablenkung? Eine Romanze? Eine Bettflasche für kalte Winternächte? Ein vorläufiger Trost, der ihm half, über den Verlust des Profiteurs aus dem Volk der Mayas hinwegzukommen, der ihn kalten Arsches abservierte, nachdem er ihn nicht mehr brauchte? Oder doch mehr? Ich hatte keine Ahnung. Toni hielt sich in dieser Hinsicht bedeckt.

Ich hätte zu gerne gewusst, was in seinem Kopf vorging, wenn er über uns beide nachdachte. Oder in seiner Seele. Falls er überhaupt über uns nachdachte. – Auf keinen Fall wollte ich ihn aber mit einer Liebeserklärung in eine peinliche Situation bringen oder gar in die Flucht schlagen. – Wie sollte ich also meine Meinungsumfrage gestalten, ohne das Risiko einzugehen, dass ich mir einen Korb einhandelte?

Wie so oft in meinem Leben, kam mir eine unerwartete Wendung zu Hilfe. Der Diplomatische Dienst meiner Familie.

Ich sollte doch bitte bald wieder einmal nach Hause kommen, bat Frieda, sie hätte mit Paul gesprochen, und eigentlich sei seine Reaktion erstaunlich vernünftig gewesen. Er hätte zwar eine Woche lang einen Kopf gemacht, aber das sei nun vorbei. Er habe versprochen, die Situation so zu akzeptieren, wie sie nun halt mal sei, wenn ich das zur Bedingung erhebe. Sie selber schien mit dem Umstand, dass sie einen schwulen Sohn hatte, keine Probleme zu haben.

Fairerweise muss ich hier anfügen, dass meine Eltern mich nicht aus dem Haus gejagt hatten. Ich war aus freien Stücken abgehauen, weil ich einer Konfrontation mit Paul aus dem Weg gehen wollte. Feigling!

Kurz bevor sie auflegte, wollte die Leiterin dieser diplomatischen Mission noch wissen, wie der Herr denn heisse und ob ich denn auch bereit wäre, den Herrn einmal mit nach Hause zubringen? Sie würde den Herrn doch gern einmal kennenlernen … – Hä? Hatte ich richtig gehört? Das war eindeutig mehr als ich meinen Eltern zugetraut hätte, und im ersten Augenblick war jetzt ich der Überforderte. „Ich … ich überleg’s mir ….“, versprach ich, nicht wirklich überzeugt, versuchte mir aber trotzdem vorzustellen, wie so ein diplomatisches Treffen aussehen könnte …

Das brachte mich auf die Idee: Anstatt Toni zu sagen, dass ich mehr als einfach nur Sympathie und körperliche Anziehung für ihn empfand, könnte ich ihn doch einfach wissen lassen, dass ich meinen Eltern von ihm erzählt hatte … dass ich mich allein wegen der Rolle, die er seit einiger Zeit in meinem Leben einnahm, wegen ihm, entschieden hatte, den totalen Bruch mit meiner Familie zu riskieren. Dann müsste er doch spüren, dass ich mehr für ihn empfand … Dass mein Outing nicht ganz freiwillig zustande kam, sondern praktisch unter der Androhung von ‚Folter durch Schlafentzug‘ 🙂 , musste ich dabei ja nicht erwähnen.

Selbstverständlich war es absolut naiv, zu glauben, dass sich mein Freund mit dieser Aktion aus der Deckung locken und dazu bewegen liess, mir etwas über seine Gefühle zu verraten. Mein Freund! Ha! Schön wärs. War er denn überhaupt mein Freund? Oder eben doch nur ein Freund?

Nach einer unserer nächsten Stadtwanderungen verklickerte ich ihm die Geschichte. Im Odeon. – Einen Sturm der Begeisterung löste ich damit gerade nicht aus. Im Gegenteil. Mon bel étudiant wurde auf einen Schlag äusserst nachdenklich und wortkarg. Nach einer Weile fand er endlich die Sprache wieder und meinte schliesslich: „Das könnte ich nicht … Mein Vater würde mich auf der Stelle enterben, und die Mutter würde tot umfallen. Nicht, weil sie nicht akzeptieren könnte, dass ich schwul bin, aber weil mein Vater ihr die Schuld dafür geben würde.“

„Wahrscheinlich vermuten sie es zwar, aber solange es nicht ausgesprochen wird, ist es in ihren Augen auch nicht wahr … zumal ich ihnen vor ein paar Jahren meine Verlobte vorgestellt habe.“

„Du hast eine WAS???“ – Zuerst die Geschichte mit dem untreuen Mexikaner, der bei Nacht und Nebel ausgezogen war, und jetzt eine Verlobte??? So sehr ich auch versuchte, meine Gedanken in eine wenigstens halbwegs logische Ordnung zu büscheln, es wollte mir nicht gelingen. Wahrscheinlich sah ich ihn in diesem Augenblick an, als wäre mir der Leibhaftige höchstpersönlich über den Weg gelaufen. Auf jeden Fall kugelte er sich plötzlich fast vor Lachen, als er merkte, wie sehr er mich gerade verwirrt hatte, und erklärte: „Nein, nein, erhol dich wieder! Natürlich nicht. Ich hatte eine. Hatte, hörst du?“

Und dann erzählte mir Toni, dass er mit zwanzig eine Freundin gehabt und mit ihr eine Verlobungsreise nach München gemacht hätte. Im Hotel in München hätte ihm dann aber Pia-Maria – so hiess des Apothekers Tochter aus Engelberg – nachdem ihr nicht verborgen geblieben war, wie wenig Leidenschaft (überhaupt keine!) ihr ‚Verlobter‘ nachts an den Tag legte, da hätte ihm dann also Pia-Maria die Augen geöffnet, indem sie ihm fadegrad ins Gesicht gesagt habe, dass er doch eigentlich gar nicht auf Frauen stehe … Wummms!

Damit war die Welt (meine) für den Moment wieder in Ordnung. Aber was Toni von unserer Beziehung hielt, wusste ich immer noch nicht.

Später, auf dem Weg zum Hirschgraben, wo mein fahrbarer Untersatz stand, stiegen wir oberhalb des Grossmünsters in Richtung Grossmünsterkapelle die Kirchgasse hoch, dort, wo sie eher einem Platz als einer Gasse gleicht. Völlig unvermittelt legte Toni – wie früher schon einmal im Odeon – seine rechte Hand auf meinen Nacken (ich ging rechts, er links) zog entschlossen mein Gesicht gegen seins und drückte mir einen innigen Kuss voll auf den Mund. Ohne Kommentar. In aller Öffentlichkeit! Viele Nachtschwärmer waren um diese Zeit zwar nicht mehr unterwegs – aber allein waren wir dennoch nicht. War das eine verspätete Antwort auf die Frage, die ich ihm nicht gestellt hatte?

Wir machten uns auf den Heimweg, den grössten Teil der Strecke jeder in seine eigenen Gedanken versunken, und dort angekommen widmeten wir uns nach einem Rémy Martin anderen Dingen, die das Sprechen weitestgehend überflüssig machten …

Second Hand Man

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr vergingen im Flug. Die meiste Zeit verbrachten wir unter dem Dach des alten Ärztehauses in Dietikon und hörten Musik oder vertieften uns in irgendwelche Lektüre. Im Fall von Toni waren das meist Fach- und Sachbücher über Geschichte, wegen seinem Studium natürlich, daneben Gabriel García Márquez (100 Años de Soledad), und ich vertrieb mir die Zeit derweil mit Krimis oder irgendwelchen Sammelbänden von Readers Digest, von denen ich jede Menge auf Lager hatte. Billige Trash-Literatur.

Musik: Opern, Sinfonien und Klavierkonzerte.

Dazwischen machten wir ab und zu kurze ‚Winterwanderungen‘, entweder der Limmat entlang in der Nähe des Klosters Fahr, oder dann aber, wenn das Wetter nicht so toll war, die übliche Runde Stadtrunde mit dem Abschluss im Odeon.

Den Bruch mit meiner Familie blendete ich aus.

Auf einer dieser ‚Wanderungen‘ entlang der Limmat erzählte mir Toni, dass er trauerte. Nicht um einen Verstorbenen oder eine Verstorbene, sondern um eine Beziehung, von der er geglaubt hatte, dass sie für immer wäre.

Antonio hiess der Lümmel, der ihn verlassen hatte, ein junger Arzt aus Mexico, den Toni weiss der Teufel wo aufgelesen hatte (wo, hat er mir nie gesagt) und der in der Schweiz nicht praktizieren durfte, weil sein mexikanisches Staatsexamen nicht anerkannt wurde …

Dass ich mir keine Jungfrau angelacht hatte, war mir schon klar. Schliesslich war Toni fünf Jahre älter als ich, und die Sicherheit, mit der er jeweils im Odeon auftrat, liess auch keinen Zweifel daran, dass der Mann Erfahrung hatte.

Trotzdem musste ich das Wissen, das ich soeben unter die Nase geschmiert bekommen hatte, zuerst einmal verdauen. Ein Ladenhüter war ‚mein‘ Toni definitiv nicht, aber ein Second Hand Man, einer vom Recycling-Gestell …

Einerseits war das doch positiv, oder? Antonio war weg … und Toni wieder wieder auf dem Markt. Und der Platz an Tonis Seite frei, oder?

Anderseits war aber auch klar, dass Toni bestimmt (noch) nicht offen für eine neue Beziehung war. Das wollte er mir doch damit sagen, oder etwa nicht?

Und was, wenn dieser Mexikaner zurück kam? Toni hatte dem Cabrón immerhin unter enormem Aufwand eine Aufenthaltsbewilligung verschafft, ein Dach über dem Kopf (im wahrsten Sinne des Wortes direkt über dem Kopf 🙂 ) und einen Studienplatz an der medizinischen Fakultät der Uni in Zürich, damit Antonio nach zwei Jahren zusätzlichem Studium das Schweizer Stattsexamen hätte machen und offiziell als Dr. Antonio Villaverde praktizieren können. Aber nein, dem Pendejo war das nicht genug!

Mir gingen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Wie gross war meine Chance? 50%? Oder mehr? Weniger? Ich hatte keine Ahnung, wie ich meine Situation einschätzen sollte. Was tun? Das Stimmungsbarometer rasselte von einem gefühlten Allzeithoch innert Sekunden auf stürmisch, wo es hängen blieb und sich dem Anschein nach gleich einbürgern wollte. Nicht mit mir!

Ich beschloss, die Sache aktiv anzugehen. Gleichzeitig wollte ich mir nicht anmerken lassen, wie sehr mich das alles aufwühlte. Ich schlüpfte in die Rolle des guten Zuhörers und erntete – so unauffällig wie möglich – die unabdingbaren Informationen, über die ich zwingend verfügen musste, um meinen Plan ausführen zu können.

Um nicht alles einfach dem Zufall zu überlassen, wollte ich nämlich diesen Antonio ausfindig machen und herausfinden, wie gross das Risiko (oder für Toni die Chance – oh Gott!) war, dass er zurückkam.

Toni erzählte mir, stockend – der Schmerz war fast greifbar – dass Antonio ihn für einen Sugar Daddy, verlassen hatte, einen reichen Immobilienhändler aus Yverdon, der eine Frau und einen Sohn hatte! Der WAS hatte???Frau und Kind!

Nachdem ich die ganze Geschichte erfahren hatte, fühlte es sich für mich nicht mehr richtig an, Toni für mich gewinnen zu wollen. Ich liebte ihn, dessen war ich mir in der Zwischenzeit sicher, aber gerade deshalb fühlte es sich jetzt so falsch an. Ich wollte in erster Linie ihn glücklich sehen. Dazu brauchte er aber offensichtlich nicht mich, sondern den Idioten, der ihn verlassen hatte, den er aber (immer noch) liebte, und das war eben nicht ich, sondern dieser Antonio. Scheisse!

Weil mir Toni sogar den Namen des Sugar Daddys nennen konnte, war es einfach, via Auskunft, Tel. Nr. 11 die Adresse ausfindig zu machen, an welcher der halbfertige Herr Doktor zu erreichen wäre.

Antonio Villaverde
c/o M.P.
Rue des Bouleaux 4b
1400 Yverdon-les-Bains

Ich schickte einen Brief nach Yverdon, schilderte dem Empfänger darin kurz, aber ehrlich, wie sehr ich Toni mochte und wie unglücklich dieser war, weil er, Antonio, ihn verlassen hatte. Ich bat ihn unumwunden, sich doch bitte eine baldige Rückkehr an die Bühlstrasse zu überlegen …

Ich wünschte mir ernsthaft, dass Antonio meiner Bitte entsprechen würde, aber gleichzeitig hoffte ich, dass er es nicht tun würde. Grösser hätte der Widerspruch nicht sein können. Die Vorstellung, dass Antonio tatsächlich zurückkommen könnte, liess mir das Blut in den Adern stocken. Und die Hoffnung, dass er es nicht tun würde, bescherte mir ein schlechtes Gewissen, und eine Stimme in meinem Hinterkopf warf mir vor, ein schäbiger, hinterhältiger Egoist zu sein.

Die Antwort aus Yverdon kam postwendend: „Nein, …!“, schrieb Antonio, „… ich komme nicht zurück. Aber es freut mich, dass Toni wieder jemanden hat. Mach du ihn glücklich! ….“ – Einfacher gesagt als getan, Hornochse! Aber danke für die Freikarte.

Nun war ich immerhin das schlechte Gewissen los, und auch die Angst, dass der undankbare Latino einen Rückzieher machen könnte.

Tür und Tor für die Vorbereitung der Phase II meines Plans standen weit offen …


Widerstand zwecklos

Weihnachten verbrachte ich zuhause – wie bis anhin immer – d.h. eigentlich nicht wirklich zuhause, sondern dort, wo früher mein Zuhause gewesen war, sprich: bei meinen Eltern.

Viel lieber wäre ich da gewesen, wo auch all meine Gefühle waren, nämlich bei Toni, logo, aber das war sowieso nicht möglich, da er dem gleichen, ungeschriebenen Naturgesetz folgend wie ich, an Fest- und Feiertagen selbstverständlich bei seinen Erzeugern aufzukreuzen hatte. Ohne Widerrede.

Seine Mutter mochte er sehr gern. Zu seinem Vater hatte er aber ein eher frostiges Verhältnis, das wohl am treffendsten als Kalter Krieg mit reduzierten diplomatischen Beziehungen zu bezeichnen wäre.

Ähnlich war das bei mir. Auch ich hatte einen viel besseren Draht zu meiner Mutter als zum Vater. Bei Paul musste ich immer aufpassen, dass ich mich von ihm nicht in Diskussionen über Religion und Glauben verstricken liess. Das kam nie gut raus. Ein Kalter Krieg schwelte zwischen uns zwar nicht, aber die gleich herzliche Beziehung wie zu meiner Mutter konnte ich zu ihm nie aufbauen. Er war ein guter Mensch, zweifellos, aber halt eben irgendwie so von der Religion besessen, wie er glaubte, dass andere vom Teufel besessen wären.

Man stelle sich einmal vor: Paul war zum Beispiel felsenfest davon überzeugt, Rock’n’roll sei Musik des Teufels! Kein Witz. Er glaubte das wirklich. Und als er feststellte, dass einige seiner 5 Kids am Sonntag anstatt die katholische Messe zu besuchen, sich heimlich mit Freunden im Café Stähli trafen, besuchte halt er am Wochenende mehrere Messen, als Stellvertreter für seine ungläubigen Nachkommen.

Die Beziehung zu Frieda war wesentlich entspannter. Mir ihr konnte ich schäkern und lachen, und ich glaube, sie war sogar dankbar dafür, dass ihre fünf Kinder nicht dem gleichen religiösen Eifer verfielen wie der Vater. Laut zu sagen wagte sie dies aber nicht – sie war schliesslich mit Paul verheiratet und fühlte sich als Angetraute des frommen Mannes durch den heiligen Bund der Ehe wohl verantwortlich, dafür zu sorgen, dass die immer wieder aufflammenden Diskussionen über Himmel und Hölle nicht aus dem Ruder liefen. Sie besetzte gewissermassen den Diplomatenposten innerhalb der Familie und leistete quasi als neutrale Instanz „Gute Dienste“, wie das die Schweiz im Hintergrund der internationalen Politbühne tut.

Am Heiligabend war jeweils der Besuch der Mitternachtsmesse angesagt. Da ich dieses Ritual aber vielmehr als kulturellen denn als religiösen Anlass einstufte, war das für mich kein grosses Problem. Priester und Messdiener trugen ihren Fummel, Röcke und Rüschen, und der Pfarrer schwenkte würdig und grosszügig seinen an Ketten aufgehängten Messingkübel (etwas respektvoller ausgerückt wäre das ein Weihrauchfass) durch den Mittelgang und verbreitete dadurch so viel Weihrauch um sich herum, dass er selbst kaum mehr zu sehen war. Eigentlich fehlten bloss ein paar Federboas – und natürlich High Heels – sonst hätte man die Messe glatt für eine vatikanische Transvestiten-Show halten können. Gut, die Musik war vielleicht ein wenig anders. Und das Publikum auch.

Nicht selten kam es vor, dass eine in ein zu enges Korsett eingeschnürte Gläubige den ‚Surrli‘ machte und wie ein k.o. geschlagener Boxer die Augen verdrehte und zu Boden ging.

Magnus Pfiffner orgelte auf Teufel komm raus (in der Kirche!!!), und wenn er die Melodie „Ihr Hi-irten i-hin Wä-häldern …“ anstimmte, sang das Volk mit solcher Inbrunst mit, dass es eine reine Freude war … immer einen halben Takt hinter Pfiffners brüllender Orgel her … Nicht einmal Frau Mehli, die unangefochtene Solo-Sopranistin des Flumser Kirchenchors, schaffte es, das gemeine Volk zum Aufschliessen an den Rhythmus des Psalmenvergasers zu bewegen, obwohl sie so laut und eindringlich vorsang, wie es nur ging. Keine Chance! Das Volk hatte seinen eigenen Rhythmus. Und das war gut so. Alles andere wäre nicht original Flumser Weihnacht gewesen.

Dafür zerrissen sich dann die frommen Klatschweiber nach der Mette die Mäuler: „Hast du sie gehört? Sie hat wieder einmal alle anderen Kirchenchörler schamlos an die Wand gesungen!“ – Es geht doch nichts über das friedliche und harmonische Leben auf dem Lande!

Am Schluss der Mette traktierte Magnus Pfiffner die Orgel noch einmal unter vollem Einsatz seiner vier Extremitäten und holte alles aus ihren Pfeifen heraus (Pfiffner und die Pfeifen 🙂 , das Bild gefällt mir), bis die Kirche sich geleert hatte.

Wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir sogar vorstellen, es wäre Sonntagmorgen und ich im kleinen, gemütlichen Wohnzimmer, mit Eisblumen an den Fenstern, unter dem Dach an der Bühlstrasse 2 in Dietikon …

Nach der Mette stapften wir nach Hause und legten uns schlafen.

Gegen 3 Uhr nachts wurde ich geweckt. Frieda: „Ich kann nicht schlafen“, eröffnete sie das Verhör, „ich spüre, dass dich etwas beschäftigt … was ist es?“ – „Ich? Nein, warum? Wie kommst du darauf? Es ist alles okay. Geh wieder schlafen. Du hattest einen strengen Tag.“ – „Versuch nicht, mich hinters Licht zu führen“, konterte sie, „eine Mutter spürt, wenn eines ihrer Kinder Sorgen hat. Also, raus mit der Sprache! Was ist los?“ – Scheisse! Die ist heute aber hartnäckig. „Du bist zwar meine Mutter, okay, aber erstens bin ich kein Kind mehr, und zweitens wüsste ich nicht, warum ich dir erzählen sollte, was mich beschäftigt. Geh wieder schlafen und lass mich in Ruhe“, versuchte ich sie abzuwimmeln. – „Nicht, bevor ich weiss, was los ist ….“ – Grrrrrr Mütter!

„Also gut, ich erzähl es dir, wenn du ums Verrecken darauf bestehst. Aber beklage dich nicht, wenn du danach erst recht nicht mehr schlafen kannst. Du hast jetzt die letzte Gelegenheit, einen Rückzieher zu machen … überleg es dir gut!“ – Selbstverständlich machte sie den erhofften Rückzieher nicht. Mütter! „Erzähl ….“, forderte sie mich auf. Widerstand zwecklos.

„Nun gut, du wolltest es nicht anders“, hielt ich die Einleitung so kurz wie möglich, um es schnell hinter mich zu bringen, und erklärte ihr danach ohne Umschweife, „ich habe nicht eine Freundin, auf die ihr alle schon lange wartet, sondern einen Freund. Einen Mann. Und da ich weiss, wie eure Einstellung dazu ist, werde ich morgen bei Tagesanbruch aus eueren Leben verschwinden. Es ist mir egal, wie, wann und ob du das Paul überhaupt beibringen willst. Ich habe dich gewarnt; du wolltest es nicht anders. Und jetzt lass mich schlafen.“ Damit komplimentierte ich Frieda aus meinem Zimmer – und spürte tiefes Mitleid mit ihr.

Ich war selbst überrascht, wie leicht es mir gefallen war, mein Geheimnis preiszugeben. Furztrocken eigentlich. Wie Frieda das Paul beibringen wollte, war nicht mein Problem. Eigentlich. Das hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Ich hatte sie ja gewarnt. Selber schuld. Trotzdem tat sie mir leid.

Der Gedanke, nie wieder ’nach Hause‘ zu kommen, belastete mich eigenartigerweise gar nicht. Ich hatte jetzt Toni. Mehr brauchte ich nicht.

Am nächsten Morgen machte ich mich in aller Herrgottsfrühe vom Acker, bereit das Kapitel Familie abzuschliessen und für immer hinter mir zu lassen.

Nur Frieda, sie tat mir leid.

Frischfleisch

Die Wochenenden von Mitte November bis Weihnachten verbrachten wir fast ausnahmslos gemeinsam. Bei ihm. Da Toni keinen fahrbaren Untersatz hatte, war es irgendwie selbstverständlich, dass nicht er mit dem ÖV ins Toggenburg fuhr, sondern ich mit meiner französischen Schaukel nach Dietikon.

Meist zogen wir am Samstag bis spät in die Nacht um die Häuser von Zürich: Bahnhofstrasse rauf und runter, Niederdorf rauf und runter, einige Querverbindungen zwischen diesen beiden Hauptachsen, und am Schluss landeten wir praktisch immer für einen Drink oder zwei im ODEON, bevor wir uns für die ‚Nachtruhe‘ wieder unter die Dachziegel an der Bühlstrasse in Dietikon zurückzogen.

Am Sonntagmorgen gab es immer ein reichhaltiges Frühstück und natürlich: ja, Orgelmusik. Danach besuchten wir ab und zu ein Museum und manchmal, wenn wir nicht zu spät dran waren, eine Matinée im Opernhaus.

Die samstäglichen Besuche im ODEON waren mir am Anfang äusserst peinlich. Toni hatte mich nicht darüber aufgeklärt – und woher hätte ich es denn sonst wissen sollen? – dass das ODEON ein beliebter Gay-Treff für schnelle und unkomplizierte Kontakte war. Eine Art Grinder aus der Steinzeit …

Es war mir total unangenehm, all die (neu)gierig auf mich gerichteten Blicke zu spüren, die sich bei den ersten zwei oder drei Besuchen jeweils wie magnetisch angezogen an mich hefteten, wenn wir gegen Mitternacht das proppenvolle Lokal betraten. „Mach dir nichts draus“, raunte Toni mir beim ersten Mal zu, „das ist nur am Anfang so. Für die bist du Frischfleisch. Ich pass schon auf dich auf.“

Obwohl ich eigentlich der Ansicht war, ich wäre alt genug, um selber auf mich aufzupassen, tat es gut, das zu hören. Wenn Toni auf mich aufpassen will, dann heisst das doch, dass ich ihm nicht gleichgültig bin, oder?

Toni schien es nicht zu stören, dass reihenweise Männer ganz offensichtlich versuchten, ihm seine Eroberung abzujagen. Im Gegenteil. Er schien es zu geniessen, der lüsternen Gesellschaft mit einem dicken Zaunpfahl in aller Deutlichkeit zu signalisieren, dass ich nicht zu haben war. Auf jeden Fall nicht, wenn es nach ihm ging. Statt jedoch mit besitzanzeigenden Pronomen und bösen Blicken um sich zu schmeissen, legte er ganz ruhig und genüsslich eine seiner schönen, schlanken Hände in meinen Nacken, zog mein Gesicht zu seinem hin und drückte mir demonstrativ einen dicken Kuss mitten auf meine Suppenklappe. „Capito, amigos?“ schien er in fetten Neon-Lettern zu morsen, „He is mine!“ Spätestens nach dem dritten Besuch im Odeon, waren die Besitzverhältnisse klar.

Das wäre allerdings gar nicht nötig gewesen. Die Typen konnten den Pfau machen so lange sie wollten. Es beeindruckte mich nicht. Man hätte mir jeden einzelnen von ihnen auf den Bauch binden können, auch den schönen Paul, es wäre nichts passiert. Für mich gab es nur einen: Toni. Und er wusste das.

Was mich wesentlich mehr beunruhigte, war der Umstand, dass das ODEON direkt am Bellevue lag, also an einer sehr belebten Strassen-Ecke Zürichs, mit Fenstern von der Decke bis praktisch zum Boden. Ein Schaufenster! Nachts konnte von aussen jedermann sehen, wer da drin war … Und wenn mich hier jemand sieht, der mich kennt? Ach du Schande! Nicht auszudenken!

Eines Tages kündigte Toni völlig überraschend an, dass wir uns am kommenden WE nicht sehen konnten, da er seine kleine Schwester besuchen wollte. Besuchen musste. Sie war nämlich schwanger, ungewollt selbstverständlich, nicht verheiratet und brauchte dringend moralische Unterstützung, um nicht in eine abgrundtiefe Depression zu verfallen.

Luftsprünge machte ich ob dieser Ankündigung gerade nicht vor Freude, aber da ich – selber Angehöriger einer Randgruppe – Ächtung, Verachtung und Diskriminierung aus eigener Erfahrung bestens kannte, brachte ich alles Verständnis der Welt für Tonis Schwester auf und stellte meine Bedürfnisse in Anbetracht dieser unglücklichen Situation selbstverständlich hinten an.

Ledig und schwanger zu sein war – zumindest in Tonis Familie – fast so schlimm wie schwul zu sein. Oder schlimmer? Auf jeden Fall eine ausgewachsene Katastrophe. Da die Schwangerschaft sich auf die Dauer nicht verheimlichen liess, musste subito eine Lösung her. Viele Optionen gab es nicht. Na ja, eigentlich nur eine: heiraten. So schnell wie möglich.

Obwohl ich ein ganzes Wochenende lang auf seine Gesellschaft verzichten musste, hatte die Sache für mich auch etwas Gutes. „No hay mal que por bien no venga“, sagt ein spanisches Sprichwort: Es gibt kein Übel, das nicht zugunsten von etwas Positivem kommen würde . Da die angehende Familie jetzt nämlich die Kohle zusammenhalten musste, beschloss die kleine Schwester, ihr Auto zu verkaufen: einen alten, weissen Toyota Corolla. Und Toni kaufte ihn. Damit war jetzt auch mein ewiger Student mobil, und wir konnten uns an den Wochenenden nicht nur in Dietikon, sondern auch auf dem Land treffen. Im 800-Seelen-Dorf Mosnang, in meiner Wohnung, was zwar auch eine Dachwohnung, aber eine mit Isolation und Zentralheizung war.

Kurz darauf heiratete Tonis Schwester also ihren ‚Samenspender‘ – wodurch wenigstens die drohende Schande einer ledigen Mutter erfolgreich von der angesehenen und rechtschaffenen Familie im Schwarzbubenland abgewendet werden konnte. Die Ehre der Steblers war gerettet. Vorläufig. Wenig später gebar die Jungvermählte einen gesunden Sohn.

Toni hielt sein Schwulsein weiterhin erfolgreich vor seiner Verwandtschaft versteckt, um eine weitere familiäre Katastrophe zu vermeiden. Er musste sein Geheimnis ja schliesslich nicht wie seine Schwester den dicken Bauch einer Schwangeren, für jedermann sichtbar, tagein tagaus, vor sich hertragen und erklären. Abgesehen davon konnte er die Frage, wann er denn endlich eine Freundin mit nach Hause bringen und heiraten würde, immer mit dem einleuchtenden Argument abschmettern, dass er zuerst sein Studium hinter sich bringen wolle …. Eine tickende Zeitbombe war das natürlich trotzdem. Irgendwann würde auch er wohl oder übel Klartext reden müssen … zumal Tonis alter Herr vom brotlosen Studium der Philosophie und der Geschichte sowieso nie begeistert war und nur darauf wartete, dass sein Sohn endlich etwas Vernünftiges anpacken würde. Mit Philosophie und Geschichte liess ich ja schliesslich kein anständiges Leben finanzieren …

In Tonis Augen hatte das aber vorläufig noch Zeit. Und in meinen auch. Vorerst genossen wir nun einfach einmal die … ja, die was eigentlich? War das, was wir da praktizierten jetzt eine Beziehung? Eine Romanze? Ein Abenteuer? Oder gar eine junge Liebe? – In meinen schönsten Träumen natürlich Letzteres. – Aber wie sah das Toni? – Keine Ahnung! Darüber musste ich unbedingt bald einmal mit ihm reden. Aber wie?

Bald hatten wir Weihnachtsferien. Vielleicht ergab sich da eine Gelegenheit. Mal sehen …

Rindermarkt 6, 8000 Zürich

Der ‚Trick‘ mit dem Zwanziger … naja, das war so eine Sache: war er runtergefallen, wusste ich zwar, dass mich jemand hatte anrufen wollen, aber ich wusste nicht wer. Und was hatte ich davon? Natürlich nichts. Im Gegenteil. Das war fast noch schlimmer als nicht zu wissen, ob überhaupt jemand versucht hatte, mich zu erreichen. Trotzdem lud ich die Münze jedes Mal wieder auf das Telefon, bevor ich die Wohnung verliess. Idiotisch, nicht war? Oder vielleicht eher kindisch? Keine Ahnung, aber auf jeden Fall sicher nicht ganz normal. 🙂

Kopf oder Zahl?
Hätte das Problem auch nicht gelöst!

Lag der Zwanziger jeweils am Abend noch auf dem Apparat, dann wusste ich ganz sicher, dass niemand angerufen hatte, also auch dieser Toni nicht. Total frustrierend, logisch, aber immerhin klar. War der ‚Groschen‘ jedoch gefallen, dann versuchte mich immer diese hinterhältige Stimme in meinem Kopf zu überreden: „Ist doch klar, das muss ER gewesen sein. Ruf ihn einfach zurück und frag ihn. Dann weisst du’s.“ – Einen Dreck rufe ich zurück! Wie blöd stehe ich denn da, wenn er es nicht war, hä? Der müsste ja direkt glauben, ich laufe ihm nach. Kommt nicht infrage.

Ich hätte natürlich nach dem Ausschlussverfahren vorgehen können und alle möglichen Kontakte anrufen, die mich vielleicht hatten erreichen wollen. Aber ich konnte ja nicht jeden Tag alle anrufen und ihnen jedes Mal erzählen: „Ich wollte bloss wieder einmal wissen wie es dir geht … “ Die hätten mich spätestens am dritten Tag mit dem ‚Gälbe Wägeli‘ nach Pfäfers gebracht. Und zudem: selbst das Ausschlussverfahren hätte mich nicht wirklich weiter gebracht. Am Schluss hätte ich nämlich trotzdem nie zweifelsfrei gewusst, wer meinen stillen Alarm ausgelöst hatte. Es hätten ja auch mehrere gewesen sein können.

Wenn ich mich nicht blamieren wollte, blieb mir also nichts anderes übrig, als abzuwarten … und vielleicht Tee trinken?

Also wartete ich. Fast eine ganze Woche lang. Am Freitagabend, endlich Rring … rrring … rrring ...

Ich: „Ja?“

Er: „Toni.“

Ich: „Ja, guten Abend … worum geht’s?“ Eine ganze Woche hatte ich sehnlichst auf diesen Anruf gewartet, und nun wusste ich Vollpfosten nicht, was ich sagen sollte. Als hätte mir jemand das Hirn aus dem Schädel geblasen!

Er: „Ah … Störe ich?“

Ich: „Nein, nein … natürlich nicht. Ich musste nur grad kurz überlegen, wer du bist.“ – Das wird ja immer besser! Wie bescheuert war denn das grad? Lass dir jetzt gefälligst etwas Schlaues einfallen! – „Schön, dass du anrufst.“ – Hoffentlich reicht das.

Er: „Hast du denn so viele Verehrer?“ – Hat der jetzt grad Verehrer gesagt? – Schön wär’s!

Ich: „Ich? Verehrer? Nein, nein, warum denn? Wie kommst du denn darauf?“ – Zuerst erzähle ich so einen Stuss, und dann habe ich auch noch eine lange Leitung! Mir ist echt nicht mehr zu helfen.

Er: „Na ja, weil du so lang überlegen musstest … Es ist doch schliesslich noch keine Woche her, seit …“ – Scheisse, was muss der bloss von mir denken? Jetzt reiss dich endlich zusammen, du Volltrottel!

Ich: mehr oder weniger unter Kontrolle „Ah, darum, nein, nein … ich … natürlich nicht, ich habe keine Verehrer … ich war bloss mitten in einer Lektionsvorbereitung für morgen (voll gelogen!) und musste mich zuerst von diesen Gedanken lösen. Alles klar. Es freut mich, dass du anrufst.“ Hoffentlich war das überzeugend genug.

Er: „Wollen wir uns morgen Abend treffen?“ – Gut, die Schadensbegrenzung hat offenbar geklappt.

Ich: „Ja, gern … lass mich bloss kurz in meine Agenda schauen. Ich glaube, morgen Abend habe ich nichts vor …“ – Ich hatte selbstverständlich nichts vor. Aber das musste ja nicht gleich so offensichtlich sein. – “ …da bin ich wieder. Ja, es ist gut, morgen Abend bin ich frei … Und übrigens: um dich zu sehen, hätte ich auch ohne zu zögern jede andere Verabredung abgesagt …“ – Hä? – Jetzt übertreib nicht gleich auf die andere Seite! Trottel! Sonst kommst du gleich wieder ins Schleudern.

Er: „Ohh … das freut mich … Also gut dann. Wie wär’s mit 8 Uhr im Oliver Twist. Weisst du wo das ist?“

Die Frage war berechtigt. Woher sollte denn ein rohes Landei wie ich wissen, wo das Oliver Twist ist? Aber zufälligerweise wusste ich es.

Ich: „Ja, klar“, gab ich grossartig an „ich werde morgen Abend punkt acht dort sein. Ich freue mich.“

Er: „Ich mich auch. Dann also bis morgen Abend. Schlaf gut.“

Ich: „Du auch, und – danke für den Anruf.“

Das war ja gerade noch einmal gut gegangen. Beinahe hätte ich die Sache vermasselt.

Nun hatte ich ein richtiges Date! Mein erstes Date, übrigens, auch wenn man das damals selbstverständlich nicht so nannte. Damals hiess das: ich habe ein Rennen. Ich hatte also mein erstes, richtiges Rennen. Mit 24 Jahren!

Ein ausgesprochener Frühzünder war ich definitiv nicht. Aber immerhin. Ich habe im Verlauf meines späteren Lebens weit ausgeprägtere Spätzünder kennengelernt … einer von ihnen stolperte sozusagen mit 33 aus dem Closet, und ein anderer, sage und schreibe, mit 40! In beiden Fällen war ich irgendwie an ihrem Coming-out beteiligt, um nicht zu sagen, dafür verantwortlich. Im Vergleich zu ihnen war ich ja direkt schnell …

Im Kofferraum meiner luftgefederten Zitrone verstaute ich vorsorglich – man weiss ja nie – eine Reisetasche mit Toilettenutensilien: Zahnbürste, Haarbürste usw., Wäsche zum Wechseln und was man halt so für eine Nacht und einen Tag braucht. Ich war zwar nur zu einem Rennen im Oliver Twist verabredet, aber wer konnte denn schon wissen, wie sich der Abend entwickeln würde? Der folgende Tag war schliesslich ein Sonntag, da musste ich ja auch nicht unbedingt schon wieder um 5 Uhr morgens aus den Federn, falls … ja, falls ich denn das Glück haben sollte, eine weitere Nacht in diesem Gefrierschrank von einem Schlafzimmer an der Bühlstrasse zu verbringen …

Am Samstag war ich natürlich viel zu früh in Zürich. Zu spät zu kommen war keine Option. Um Viertel vor acht betrat ich das Oliver Twist, um in aller Ruhe einen freien Platz an der Bar auszuwählen und dort auf mein ‚Date‘ zu warten. Diese Rechnung hatte ich allerdings ohne den Wirt gemacht. Der Laden war gerammelt voll und … meine Zielperson stand schon an der Theke und hatte auch bereits ein Bier vor sich! So viel zu meinem genialen Plan.

Offenbar hatte jemand die gleiche Idee gehabt wie ich! Bloss nicht zu spät kommen!

Als er mich kommen sah, winkte Toni mir über die Köpfe hinweg zu, rückte sofort ein bisschen nach links und dann ein bisschen nach rechts, um Platz für mich zu schaffen. Danach bestellte er, ohne mich zu fragen, eine zweite Stange. Auch gut. Ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich bestellen sollte.

„Den Tee mache ich dir dann zuhause …“, bemerkte er mit einem listigen Grinsen im Gesicht, fixierte mich dabei aber so auffällig unauffällig von der Seite her, dass ich selbst mit geschlossenen Augen gemerkt hätte, dass das eigentlich eine Frage war … – „Wir werden sehen …“, gab ich gespielt gleichgültig zurück, „der letzte Zug fährt ja noch lange nicht …“, und grinste genauso frech zurück. Diesen ‚Tee‘ lasse ich mir auf keinen Fall entgehen.

Im Pub, und später auf dem ‚Flug‘ nach Dietikon und beim versprochenen ‚Tee‘ im Dachgeschoss des uralten Ärztehauses an der Bühlstrasse 2, erfuhr ich ein paar Details mehr über den ewigen Studenten, den ich mir da angelacht hatte.

Nach Abschluss eines Philosophiestudiums in Belgien folgten die Rückkehr in die Schweiz und der Beginn eines Geschichtsstudiums an der Uni in Zürich. Gleichzeitig erteilte der Herr Lehrer – so nannte ihn seine zwar neugierige, aber überaus sympathische Vermieterin, Sophie Weber – Privatstunden für Französisch, um sich finanziell über Wasser zu halten. Der Philosoph war 5 Jahre älter als ich. Und mindestens ebenso viel erfahrener …

Der Typ gefiel mir. Immer besser. Und nicht bloss physisch; er interessierte und faszinierte mich auf allen Ebenen. Körperlich genauso wie geistig und seelisch. Kognitiv war ich ihm – modestia aparte – kaum unterlegen. Aber ausbildungs- und wissensmässig war mir der Herr Lehrer natürlich um Welten voraus. Bevor er in Brüssel Philosophie studierte, hatten ihn seine Eltern nämlich auch schon für acht lange Jahre in die Klosterschule Engelberg gesteckt, wo er eine Matura mit Griechisch und Latein machte! Seit seinem elften oder zwölften Lebensjahr lebte dieser Mann de facto also schon getrennt von seinen Eltern. Und nun war er fast 29 und immer noch Student …

Die Silhouette, die mich am 5. November auf der Bahnhofbrücke so magisch angezogen hatte, nahm zunehmend Form und Farbe an. Und der Typ hatte Stil. Der Mann interessierte mich. Definitiv.

Die Stunden zwischen der Ankunft an der Bühlstrasse und dem Frühstück am kommenden Morgen mit Inhalt zu füllen, überlasse ich meinen fantasiebegabten Leserinnen und Lesern. Malt sie euch einfach so schön und farbig aus, wie ihr könnt, dann seid ihr auf dem richtigen Weg …

Während und nach dem üppigen Frühstück tauschten wir weitere Details aus unseren beiden Lebensläufen aus, während im Hintergrund Orgelmusik aus sündhaft teuren Lautsprecherboxen lief. Das war, so verriet mir Toni, seine Sonntag-Morgen-Routine: Orgelmusik mit schönen, vollen Bässen.

Irgendwie passte das zu dem Studenten, den ich vor gerade einmal 8 Tagen kennengelernt hatte: eine bescheidene, kleine Dach-Wohnung ohne richtige Heizung, selbstverständlich kein Auto, Möbel aus der Brockenstube, aber eine teure Musikanlage, Pullis von Armani und Rémy Martin statt billigen Stroh-Rhum zum Tee … ein Student mit Stil eben.

Am Nachmittag streiften wir zusammen ein paar Stunden durch Zürich, bevor ich Toni wieder nach Dietikon flog und mich selber nach einem gebührenden Abschied – nur sehr ungern 😦 – auf den Weg ins Toggenburg machte.

Von nun an telefonierten wir beinahe täglich, und die Wochenenden verbrachte ich, verbrachten wir, fast alle in Dietikon. Mein Leben hatte endlich einen Sinn.

Ich hätte glücklicher nicht sein können.

Fällt der Groschen endlich?

Trotz der kalten Nacht im Freien startete mein CX am frühen Morgen des 6. Novembers problemlos. Zuerst füllten sich die Luftfederungsbälge der beiden Vorderräder, und danach hob der Citroën auch seinen Hintern. Ready for takeoff!

Ich manövrierte den Wagen rückwärts aus dem Kiesplatz, wendete ihn auf der Bühlstrasse und machte mich via Obere Reppischstrasse auf den Weg, via Zürich und St. Gallen nach Rorschach. Schwebend. Einerseits, weil der Wagen sich dank der komfortablen Luftfederung tatsächlich fast wie ein fliegender Teppich anfühlte, anderseits aber, und das war natürlich viel entscheidender, weil ich gerade sowieso auf Wolke sieben schwebte. „Lüüt emol aa. … Lüüt emol aa …“, tönte es immer wieder in meinem Schädel, als müsste ich es noch hundert Mal hören, um es glauben zu können, und ich guckte vermutlich so deppet aus der Wäsche, als hätte ich grad versehentlich eine ganze Handvoll Extasy verschluckt …

An das Thema des Weiterbildungstages erinnere ich mich nicht. Vermutlich bekam ich auch überhaupt nichts davon mit. Sorry, Josef Weiss.

Telsearch.ch gab es damals noch nicht, Debora, es gab ja noch nicht einmal Internet. Und ein Telefonbuch des Kantons Zürich hatte ich auch nicht.

Mir blieb deshalb nichts Anderes übrig, als gegen Abend, nach meiner Ankunft zuhause, subito die Auskunft anzurufen, die Nr. 11, um nach der Ruf-Nummer eines gewissen Toni Stebler in Dietikon zu fragen. Peinlich! Ich war fast sicher, dass die Frau am anderen Ende der Leitung erraten konnte, weshalb ich die Nummer von Toni Stebler wollte. Wenn sie mich hätte sehen können, dann hätte sie es auf jeden Fall erraten.

Okay. Diese erste Hürde war geschafft. Nun hatte ich die Nummer. Und das Fräulein vom ‚Ölfi‘ hatte offenbar doch nichts gespannt. Glück gehabt! Aber damit war das Problem nicht gelöst.

Was sollte ich ihm denn sagen, diesem Toni Stebler? Keine Ahnung! – Was ich ihm am liebsten gesagt hätte, nämlich dass ich gerade nicht mehr wusste wo mir der Kopf stand, seit mich am Vorabend ein wildfremder Mann auf der Bahnhofbrücke angehauen und gefragt hatte: „Was machsch?“, das ging definitiv nicht. Was sollte der auch von mir denken? Etwa, dass ich mich in ihn verliebt hätte? Einfach so? Hals über Kopf? Geht’s noch?!? – Nein, unmöglich! Oder vielleicht doch? Bist du jetzt ganz übergeschnappt!?! Keinen Ton in diese Richtung, kapiert? Reiss dich zusammen, Idiot!

Aber ich könnte ihm doch vielleicht sagen, dass ich einfach nur seine Stimme hören wollte, oder? … „Bist du bescheuert? Das wäre ja noch dämlicher als der erste Gedanke. Es muss etwas Unverfängliches sein. Streng gefälligst dein Hirn an, wenn du überhaupt eins hast!“, meckerte die Stimme in meinem Hinterkopf.

Et voilá: ich hatte eine Lösung! Zuversichtlich wählte ich die Nummer, die ich vom ‚Ölfi‘ bekommen hatte und wartete …. tüüüt …. tüüüt …. tüüüt :

„Stebler“, meldete sich eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich hörte sehr wohl, dass es DER Stebler war. Trotzdem fragte ich „Toni Stebler?“, denn so stand es in meinem ‚Drehbuch‘. – „Ja, Toni Stebler. Worum geht’s?“ Scheisse, diese Frage kam in meinem Storyboard nicht vor. Toni Stebler hätte jetzt eigentlich meine Stimme erkennen müssen und sagen sollen: „Ah, du bist es … Schön dass du heute schon anrufst. Bist du gut nach Hause gekommen? Wie war dein Tag in Rorschach?“ – Stattdessen sagte die Stimme am anderen Ende: „Ja, Toni Stebler. Worum geht’s?“ –

Und jetzt? Sch ….. Improvisieren, du Depp! – „Ja, also, es geht um Folgendes … du kennst mich eigentlich nicht, das heisst … doch, schon, aber … ja, ich meine … nicht richtig.“ Jetzt mach schon vorwärts! (Das war wieder die beratende Tussi im Hinterkopf)

„Ich heisse Philipp. Ich war gestern bei dir und du hast mir einen Tee gemacht … „- ja das auch – so jetzt war’s endlich raus, “ und heute Morgen hast du gesagt, ich soll dich einmal anrufen … Da dachte ich, bevor ich’s vergesse, erledige ich das lieber gleich sofort und gebe dir meine Telefonnummer, für den Fall, dass DU mich einmal anrufen möchtest …“

Hä?!? Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, protestierte die Tante im Hinterkopf in einer Lautstärke von mindestens 100 Dezibel – „Bevor ich’s vergesseerledige …“ – „Noch ungeschickter gings wohl nicht! Dir ist wirklich nicht mehr zu helfen.“ Den ganzen Tag konnte ich an nichts Anderes denken, und dann plapperte ich am Abend doch tatsächlich völlig unzensiert so seinen unsäglichen, erbärmlichen Stuss daher! Idiot! Depp! Aaaaarschloch! Es gab kein einziges Schimpfwort, das ich in diesem Moment nicht wirklich redlich verdient hätte. Ich hätte mich links und rechts ohrfeigen und mir alle Haare einzeln aus meinem Skalp reissen können.

Da man Gesagtes bekanntlich nicht mehr zurücknehmen kann, blieb mir nur noch der hoffnungsvolle Versuch, wenigstens etwas Schadensbegrenzung zu betreiben. Schnell schob ich deshalb hinterher: „Ich würde mich freuen. Sehr sogar. Je eher, desto besser.“ – Ja, ja, ja … jetzt übertreib nicht gleich wieder auf die andere Seite! Herrgottnochmal!

Nun konnte ich bloss noch hoffen, dass das überzeugender war als der Mist, den ich vorher erzählt hatte.

Toni Stebler bekam meine ‚Koordinaten‘ und dann verabschiedeten wir uns so wie es sich gehörte, fast nach Drehbuch: „Also dann, bis hoffentlich bald einmal.“ – „Ja, gern, danke für den Anruf.“

Aber was, wenn der einmal anruft, wenn ich nicht zuhause bin? Vielleicht denkt der dann: „Ich hab’s versucht“, und ruft nachher nie wieder an

Zur Sicherheit präparierte ich meinen Telefonapparat, indem ich einen Zwanziger so auf dem Anschlags-Dorn der Wählscheibe positionierte, dass er wegen der Vibration sofort herunterrutschen musste, wenn das Telefon klingelte. War der Zwanziger jeweils am Abend immer noch auf dem Anschlags-Dorn, hatte niemand angerufen. Lag er jedoch neben dem Telefon, dann konnte ich davon ausgehen, dass jemand angerufen hatte, und ich durfte mir zumindest einbilden, dass es Toni war.

So, ich hatte den ersten Schritt gemacht. Nun war Warten angesagt. Abwarten und Tee trinken. Tee! – Mit Rhum oder mit Cognac? Egal. – Am besten vielleicht gleich mit beidem …

Lüüt emol aa.

Nachdem ich meine französische Schaukel an der Bühlstrasse 2 parkiert hatte, fragte mich mein Passagier nicht, ob ich noch kurz mit ihm raufkommen möchte. Die Frage erübrigte sich, da er mir auf der Bahnhofbrücke schliesslich einen Tee versprochen hatte. Mit Rhum. Und den wollte er mir ja hoffentlich nicht vor dem Haus servieren. Das war Teil der Abmachung. Abgesehen davon hatte er während der ganzen Fahrt vom Hirschengraben nach Dietikon seine linke Hand auf meinem rechten Oberschenkel. Unter anderem.

Also stieg auch ich aus und folgte, während mein CX sich langsam absenkte, dem de facto trotz allem nach wie vor Unbekannten unaufgefordert zur Haustüre. Im zweiten Stock, rechts oben, bewegte sich hinter dem zweiten Fenster ganz leicht ein Vorhang. Aha! Es gibt also auch hier neugierige Weiber! Morgen weiss bestimmt das ganze Quartier, dass an der Bühlstrasse jemand nächtlichen Besuch hatte. Ein Auto mit einem St. Galler Nummernschild! Diese Form der ‚informellen Berichterstattung‘ kannte ich schon aus meiner Zeit an der Steigstrasse in Diepoldsau. Bloss war es dort nicht das zweite Fenster von rechts im zweiten, sondern im dritten Stock. Ma foi! Hier und heute nicht mein Problem!

Schlüssel zu einem Kerker oder zu einem neuen Leben?
‚Taubenschlag‘ unter dem Dach

Fünf Stufen führten über eine kurze Treppe zum Eingang, die mein ‚Gastgeber‘ mit einem riesigen Schlüssel, der ganz gut zu einem mittelalterlichen Kerker gepasst hätte, aufmachte. Dahinter befand sich das Hochparterre oder, je nachdem wie man zählt, der erste Stock. Am Ende des Korridors, von dem rechts und links Türen abgingen, führte eine Treppe in den zweiten Stock, und von dort etwas, was wohl treffender mit ‚Hühnerleiter‘ zu beschreiben wäre, in den dritten.

Hier haust er also, der Mann mit der Schaf-Fell-Jacke: in einem Taubenschlag unter dem Dach! Nun, gar so schlimm war’s nicht. Hinter der Wohnungstüre lag ein schmaler Gang mit zwei Türen auf der linken und zwei auf der rechten Seite. Die erste links führte in die Küche, die zweite in so etwas wie ein Wohnzimmer, und rechts befanden sich, dem Uhrzeigersinn weiter folgend zuerst eine Dusche mit WC und danach das Schlafzimmer.

Die Küche hatte einen Betonboden ohne Belag, bloss gestrichen mit dunkelgrüner Farbe. An den Wänden hingen unzählige Ansichtskarten aus der ganzen Welt, und ein Gestell mit zahlreichen Gewürzen. Offenbar kocht der Typ gern.

Auf einem alten Gasherd brachte ein schlaksiger, junger Mann, der vermutlich ein wenig älter war als ich, Wasser für meinen Tee zum Kochen. Ohne seine dicke Jacke wirkte er nun überhaupt nicht mehr bedrohlich. Im Gegenteil, er wirkte freundlich, aufmerksam und er war: attraktiv! Ich entspannte mich.

Gross, schlank und mit nicht allzu breiten, aber trotzdem ausgeprägt eckigen Schultern unter einem teuren Armani Pullover, musterte er mich unverhohlen. Das war mir zwar irgendwie unangenehm, aber sein Gesichtsausdruck verriet, dass es zufrieden war mit dem, was er sah, und deshalb machte es mich nicht übertrieben nervös. Abgesehen davon machte ich ja genau das Gleiche. „Bei Licht betrachtet sieht der sogar noch besser aus als im Dunkel der Nacht„, dachte ich …

De Tee wurde im ‚Wohnzimmer‘ serviert, dessen Einrichtung auch nicht edler war als meine eigene in Mosnang. Als ‚Sofa‘ diente ein altes Bett mit einem orangefarbenen Überwurf.

Aber da waren ‚Büchergestelle‘, aus Ziegelsteinen und Brettern, wohl selbst aufgebaut, und sie waren vollgestopft mit Büchern über Philosophie und Geschichte. Eindrücklich. Und über Mexiko. Einige Fotos, offenbar auch aus Mexiko, standen vereinzelt herum.

Mein Tee kam zwar nicht mit Rhum, sondern mit Cognac, aber grosszügig wie ich auch damals schon war, betrachtete ich das Versprechen damit trotzdem als eingelöst. Es war ja auch nicht einfach irgend ein billiger Cognac zum Kochen, sondern ein Rémy Martin. Und es war auch nicht nur einer, sondern, um genau zu sein, zwei … oder vielleicht auch drei. Das weiss ich nicht mehr so genau. Spielte damals auch keine Rolle.

Das ‚Wohnzimmer‘ war übrigens auch der einzige beheizbare Raum in diesem Taubenschlag. Das Schlafzimmer war eisig kalt, mit Eisblumen an einem kleinen Fenster auf der Rückseite des Wohnhauses, und ohne Isolation zwischen der dünnen Aussenwand und den Dachziegeln. Ich fror trotzdem nicht 😉

Morgens um 5 rasselte der Wecker. Um 08:00 Uhr wurde ich in Rorschach zu einer obligatorischen Weiterbildung erwartet, also musste ich früh aus den Federn. Wo die Dusche war, ein langer, schmaler Raum, kaum breiter als einen Meter zwanzig oder vielleicht dreissig, und genau so kalt wie das Schlafzimmer, wusste ich bereits.

Ich rechnete damals mit 2 Stunden Fahrt und kalkulierte zur Sicherheit eine halbe Stunde zusätzlich mit ein.

Ich duschte, zog in Ermangelung von Kleidern zum Wechseln halt wieder das Outfit vom Vortag an, holte noch kurz meine Armbanduhr vom Nachttisch im Schlafzimmer und war gerade wieder im Begriff, mich so leise wie möglich aus dem Staub zu machen, enttäuscht, frustriert und irgendwie auch beschämt, weil der Typ sich nicht einmal die Mühe machte, aufzustehen und vielleicht einen Kaffee aufzugiessen oder wenigstens … Ja, was hatte ich denn erwartet? Naïvling!

Im letzten Moment, ich hatte die Türe schon fast geschlossen, bewegte sich der scheintote Beau dann ganz überraschend doch noch: „Lüüt emol aa.“ (Ruf mich mal an.) – „Hä? … Ja, äh… gern … aber … wie heisst du denn?“ – „Steht auf dem Türschild.“

Ich hätte Luftsprünge machen können vor lauter Glückseligkeit und Freude. Die ganzen trüben Gedanken von wegen Was hast du denn erwartet, Idiot? waren von einer Sekunde auf die andere verflogen. War das jetzt vielleicht doch der Beginn eines neuen, besseren Lebensabschnittes? Der Beginn des Lebens überhaupt? Lüüt emol aa, hat er gesagt, lüüt emol aa. …….. Lüüt emol aa. – Juhuuuu! – Lüüt emol aa.

Auf dem Türschild stand: Toni Stebler.

Die andere Sicht …

Bevor er nach Zürich kam, um an der Uni Geschichte zu studieren, hatte er in Belgien Philosophie studiert. Eine brotlose Kunst, wie ihm sein Vater immer deutlich zu verstehen gab, ohne sein eindeutiges Missfallen auch nur im Ansatz zu verbergen.

Er war also ein Student, in den Augen seines Vaters ohne grosse Zukunft, und vor ein paar Wochen hatte ihn zudem sein Lover, mit dem er eigentlich den Rest seines Lebens hatte verbringen wollen, verlassen.

Eine ziemlich ungünstige Voraussetzung, um an einem kalten, dunklen Winterabend glücklich zu sein, allein in der trostlosen Studentenbude, die noch bis vor kurzer Zeit ein gemeinsames und doch gemütliches Zuhause für ihn und den Mexikaner war.

Also beschloss er, wieder einmal einen Abend lang ‚vor die Tür‘ zu gehen, d.h. in die schwule Szene Zürichs einzutauchen. Nach einem weitgehend ereignislosen Streifzug durch verschiedene Bars und Clubs, entschied er sich um halb elf, die Übung abzubrechen und den letzten Zug, den elf-Uhr-Bummler von Zürich nach Dietikon zu nehmen. Irgendwann gegen 2 Uhr schlossen nämlich auch die letzten Bars, und der erste Zug am Morgen wäre erst kurz vor 5 gefahren.

Vom Niederdorf her kommend überquerte er zügig die Bahnhofbrücke in Richtung HB. Es waren nicht mehr viele Menschen unterwegs. Wer jetzt noch draussen war, versuchte möglichst schnell der winterlichen Kälte zu entfliehen und irgendwo an die Wärme zu kommen.

Auf der Brücke war ausser ihm nur ein einzelner Fussgänger. Viel mehr als eine hagere Silhouette war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, und diese war zügig in der Gegenrichtung unterwegs. Er musste sich anstrengen, um auf den letzten Metern, bevor sie sich kreuzten, mehr erkennen zu können: die Silhouette entpuppte sich als junger Mann, in geschnürten, kniehohen Stiefeln, einer engen, dunkelblauen Hose (Jeans? Das war nicht eindeutig auszumachen.), und einem kurzen Lederblouson in der Farbe von altem Cognac oder Whiskey, aber auf jeden Fall viel zu dünn für diese Jahreszeit. Er schien zu frieren.

Als sie sich kreuzten, glaubte er zu sehen, dass der nächtliche Fussgänger ihn viel zu lang (also vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde zu lang!) angestarrt hatte. Sofort schlug sein Gaydar Alarm: Ist da um diese Zeit und bei dieser Kälte vielleicht noch jemand auf dem Wisch? schoss es ihm durch den Kopf. Eher unwahrscheinlich. (Für nicht mit dem Vokabular Vertraute: Wisch = Aufriss.) Oder macht dieser Typ den Strich? Oder war es Angst, was da förmlich aus diesen Augen sprühte? Auf jeden Fall weckte das Gesicht, das er niemals zuvor gesehen hatte, seine Neugier. Oder war es Interesse? Eine verführerische Stimme in seinem Hinterkopf drängte ihn: „Frag ihn doch, wenn du es wissen willst! Du bist doch sonst auch nicht schüchtern.“

Er blieb kurz stehen, drehte sich um und stellte fest, dass der andere, jetzt wieder eher eine Silhouette, sich auch umgedreht hatte. Aha! Dachte ich es mir doch! Kurz entschlossen setzte er sich wieder in Bewegung, jetzt aber nicht mehr in Richtung HB. Er beeilte sich, um diesen gestiefelten Kater möglichst schnell zu überholen und sich ihm in den Weg zu stellen: „Was machsch?“ fragte er ohne irgendwelche Einleitung. Ziemlich doof, aber etwas Besseres fiel ihm gerade nicht ein.

„Ich … ich friere und suche ein Lokal, wo ich einen heissen Tee bekommen kann“, antwortete der junge Mann, offensichtlich mit der Situation dramatsich überfordert. Oups! Ist der überhaupt schon volljährig? „Aha! Einen Tee“, lachte er deshalb, bereute aber sofort den spöttischen Ton, den er angeschlagen hatte. – „Ja. Einen Tee. Mit Rhum“, gab der Gestiefelte sofort zurück, diesmal aber eher trotzig als freundlich. Da schau mal an! Vielleicht wird ja aus dem angebrochenen Abend doch noch etwas. – Also gut, gehen wir auf tutti: „Das könnte ich dir auch bieten“, frotzelte er.

Damit geriet der verunsicherte Jüngling allerdings noch mehr aus der Fassung: man konnte nun nicht nur sehen, sondern beinahe auch hören, wie die verschiedenen Stimmen in seinem Kopf sich gegenseitig anschrien und herauszufinden versuchten, was hier gerade abging. Da muss wohl noch etwas Entscheidungshilfe geleistet werden …. „In fünf Minuten fährt mein letzter Zug …“, warf der Student deshalb ein, um den stockenden Dialog wieder in Gang zu bringen. Bei ihm keimte wieder die Hoffnung auf, dass der Abend vielleicht doch noch nicht ganz verloren war. Und siehe da: Es wirkte. Die Blockade löste sich von einer Sekunde auf die andere und, noch bevor der gestiefelte Kater auch nur einen halbwegs vernünftigen Gedanken fassen konnte, platzte es aus ihm heraus: „Ich habe ein Auto.“

Et voilá! – Mein Gaydar hat mich also doch nicht getäuscht. Und nun ist auch klar, dass der Jüngling mindestens 18 ist, sonst hätte er ja keinen Führerschein. Also los, ab nach Dietikon

„Wollen wir ….. ?“ – „Ja, wenn es dir recht ist … mein Auto steht am Hirschengraben“, murmelte der in diesem Augenblick zweifellos nicht ganz Zurechnungsfähige und hoffte wohl inständig, dass es sich der andere wegen dem bevorstehenden Fussmarsch bis um Auto nicht doch noch anders überlegen würde.

Sophie Weber, die alte, etwas schrullige aber durchaus liebenswürdige Besitzerin des Wohnhauses an der Bühlstrasse 2 in Dietikon, gleich bei der Brücke über die Reppisch, hatte einen gar leichten Schlaf. In der Nacht vom 5. auf den 6. November wachte sie kurz vor Mitternacht auf, weil ein Auto auf dem Kiesplatz vor ihrem Haus parkierte. Kurz darauf wurden zwei Autotüren geschlossen. Natürlich musste sie wissen, was da vor sich ging …

Sie erhob sich ohne zu zögern, lüftete vorsichtig den weissen Tagvorhang ihres Schlafzimmerfensters und spähte alarmiert auf den Vorplatz hinunter. Von ihren Mietern hatte nämlich keiner ein Auto …

Erleichtert legte sie sich wieder ins Bett. Ihr Mieter war zuhause. Sie mochte ihn, weil er so freundlich und ihr gegenüber immer so zuvorkommend war. Und sie machte sich Sorgen, weil er in der letzten Zeit immer häufiger bis spät in die Nacht unterwegs war. Aber sie machte sich auch Sorgen, weil es ihm ganz offensichtlich nicht gut ging. Er war so bleich. Und irgendwie anders. Aber nun war er ja wieder da, und sie konnte ruhig weiterschlafen. Nur, wer ist der junge Mann, der ihn nach Hause gebracht hat? Antonio war das auf jeden Fall nicht. Nach ein paar Minuten übermannte sie ein tiefer, gesunder Schlaf. Wer der junge Mann war, konnte sie ja vor dem nächsten morgen sowieso nicht herausfinden.

Auch Sophie Webers Mieter war froh, wieder zuhause zu sein. Und es ging ihm im Moment ausnahmsweise einmal gar nicht so schlecht …