Für Simi …

Schawinsky fragt seine Gäste jeweils, nachdem er sie bereits vorgestellt hat, überflüssigerweise noch wer sie sind: Ich bin der jüngere Sohn von Schlegel Moritzens Pauls Paul … ja, der jüngere von den beiden. Der, der schon immer etwas schräg war. In Standardsprache klingt das aber alles irgendwie eigenartig. Dort, wo ich aufgewachsen bin, würde es heissen: dr jüngr vu z’Schleigeli Moritze Pauls Päulis Buebe vu dr Sage … Weisst du jetzt mehr? – Ich eigentlich auch nicht. Diesen Moritz habe ich schliesslich nie kennengelernt, und von Grossvater Paul sind mir auch fast nur seine schlohweissen Haare in Erinnerung geblieben, und der (gute!) Ratschlag, den er meinem Vater einmal gegeben hatte, als sich dieser bei ihm beklagte, seine Erziehungsversuche würden bei mir nicht fruchten: „Lass den Jungen nur machen! Der kommt schon recht heraus.“ Bravo Nini, das hast du schön gesagt! Und Recht hast du gehabt! Ja schon, aber wer bin ich denn jetzt? Ganz einfach: Simis Onkel, der, der abgehauen ist. Nach Panamá.
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17. Juni 1954  –  12. Mai 2022

Heute Morgen hat mich die traurige Nachricht erreicht, dass er vor ein paar Tagen gestorben ist … Ich hatte ihn vor über 40 Jahren in der Bar am Bohl in St. Gallen kennengelernt. Zufällig. Und ich schicke es gleich voraus: es wurde keine längere Affäre daraus. Trotzdem ist er mir über all die langen Jahre immer in guter Erinnerung geblieben.

Allerdings, um schonungslos ehrlich zu sein (wie immer!), ganz so zufällig war das Kennenlernen dann doch nicht gewesen. Rosi, die einzige Vertraute zu meiner moosliger Zeit, wollte damals nämlich, ähnlich wie zuvor mein bester Freund Ruedi, der vermeintliche Hetero, wissen wie das in einer einschlägigen Bar, in der Männer Männer treffen, so zu und her geht. Statt des Langen und Breiten zu erklären, was sowieso nur schwer in Worte zu fassen war, habe ich Rosi einfach einmal mitgenommen.

Dem Besuch einer Szene-Bar haftete damals noch etwas Mystisches an, etwas Verwegenes oder sogar Verbotenes. Trotzdem fühlte ich mich in diesen schummrigen Lokalen, in denen sich je später die Stunde, desto stärker der dichte Qualm der Zigaretten mit dem Duft der neuesten, nicht selten viel zu üppig aufgetragenen Parfüms mischte, rundum wohl, obwohl in den ersten Jahren noch mit Razzien der Polizei zu rechnen war. Zu dieser verschworenen Gemeinschaft der Verstossenen und Verachteten nicht bloss halbwegs dazuzugehören, sondern absolut willkommen und in meiner Ganzheit angenommen zu sein, gab mir ein Gefühl der inneren Ruhe, wie ich sie zuvor nicht gekannt hatte.

Frauen, die sich vereinzelt auch in solchen Bars aufhielten, begründeten dies häufig damit, dass sie sich unter Gays sicherer fühlten, weil sie da nicht von jedem dahergelaufenen Macho angemacht würden, und abgesehen davon hätten Schwule den besseren Geschmack und seien gepflegter als Heten, und das gefalle den Frauen eben auch. Dass dem tatsächlich so sei, witzelten sie, zeige sich doch allein schon an der Tatsache, dass schwule Männer eben auf Männer stehen … Naja, wer weiss. Vielleicht fühlten sie sich ja auch bloss so wohl, weil ihnen in diesem Punkt keiner der Anwesenden widersprach 🙂

Dass Gays (vor allem die älteren und die mittelalterlichen) damals meist besser angezogen und gepflegter waren als der Durchschnittshetero mit Familie, das war definitiv so. Ich führe dies aber nicht auf einen möglicherweise besseren Geschmack zurück, sondern vor allem auf den Umstand, dass Gays eben mehr Kohle für Klamotten und Kosmetik hatten als die Heten, bei denen häufig der ganze Lohn für die Nest- und Brutpflege draufging. Abgesehen davon waren gleichgeschlechtliche Beziehungen zu jener Zeit mehrheitlich sehr kurzlebig, weshalb die gleichen Typen immer wieder ‚auf dem Markt‚ waren und sich deshalb aus ‚verkaufstechnischen Gründen‚ ununterbrochen von ihrer besten Seite‘ zeigen mussten.

Ich nahm Rosi also mit in die Szene, aber nicht nach Zürich, sondern nach St. Gallen, in die Bar am Bohl. Der Tresen war gut besetzt, die Bar aber nicht wirklich voll. Von gesunder Neugier angestachelt, wollte Rosi nun wissen, wie das denn jetzt vor sich ginge, wenn mir einer gefiele … . Hier komplizierte sich die Sache ein wenig, weil ich ja in der Regel selbst nie aktiv auf jemanden zuging, sondern wartete, bis einer mich Ansprach. Oder eben auch nicht. Dann ging ich halt jeweils wieder so unbegleitet nach Hause wie ich gekommen war. Aber Rosi wollte es JETZT wissen! „Also gut„, versprach ich ihr, da die Typen am Tresen eigentlich alle ganz passabel waren, „such dir einen aus, und dann zeige ich dir, wie das geht.“

Am Bohl? – Ja, schon, aber nur ein Poster.

Rosi deutete diskret auf einen bleichen, jungen Mann mit stechenden, dunkeln Augen und einem melancholischen Blick. Er war offensichtlich allein und ‚auf dem Wisch‘. Eindeutig jünger als ich. Und etwas kleiner. Ausgerechnet! Warum konnte sie nicht einen älteren aussuchen? Sie wusste doch, dass ich nicht auf jüngere Männer stehe. Aber versprochen war versprochen. Selber schuld. Ich hatte ihr ja schliesslich die Wahl überlassen.

Die Sache gestaltete sich einfacher als vermutet. Ich musste bloss zwei, dreimal seinem (zufällig wirken sollenden) Blick so lang widerstehen, bis er jeweils die Augen niederschlug, und dann stand er auch schon an meiner Seite. „Walti …“, stellte er sich vor. Darauf folgte der für eine solche Situation übliche Small-Talk, und natürlich die eingehende (gegenseitige!) qualitative Begutachtung des an Land gezogenen Fisches, um abschätzen zu können, ob er zu behalten oder wieder zurück ins Wasser zu werfen sei. Da die Qualitätsanforderungen beidseits zur Zufriedenheit erfüllt wurden, folgte schliesslich die unvermeidbare Frage: „Zu mir oder zu dir?“

Wie bereits eingangs erwähnt, ergab sich daraus keine längere Affäre. Das wollte ich nicht, und Walti (vermutlich) auch nicht. Aber Walti hatte definitiv etwas Besseres verdient, als einen klassischen One-Night-Stand mit einem einfachen ‚Tschüss‘, war nett dich kennengelernt zu haben am nächsten Morgen … Win-Win-Win! Ich stellte den jungen, sympathischen Mann meinem besten Freund Ruedi vor, der gar nichts gegen jung hatte, und machte damit mit einem Schlag drei Menschen glücklich: Walti, Ruedi und mich selbst. Ruedi und Walti waren danach für längere Zeit glücklich miteinander.

Eigentlich war es sogar Win-Win-Win-Win, also ein vierfacher Gewinn. Rosi durfte sich nämlich auch zu den Gewinnern zählen, schliesslich wurde ihr an einem praktischen Beispiel Einblick in die farbige und geheimnisumwitterte Welt der Gays gewährt …

Nun hat mir Ruedi heute mitgeteilt, dass Walter B. vor fünf Tagen gestorben ist, am 12. Mai 2022, nach längerem Leiden, wie die Todesanzeige vermuten lässt:

„… Wenn wir dir auch Ruhe gönnen, ist doch voll Trauer unser Herz.
Dich leiden zu sehen und nicht helfen können,

war unser aller grösster Schmerz.“

Ich habe Walter in den vergangenen vierzig Jahren nie mehr gesehen. Trotzdem berührt mich sein Tod, und er berührt auch ganz stark meinen Freund Ruedi, der Walter über eine längere Phase ein verlässlicher Begleiter war, jetzt aber auch schon viele Jahre keinen Kontakt mehr hatte.

Die Todesanzeige wurde von Walters langjährigem Freund J.H. aufgegeben. Ruedi hat sie in der Zeitung gesehen.

So sehr ich Waltis Tod bedaure, so sehr freut es mich doch auch, aufgrund der Todesanzeige (und Ruedis Ergänzungen) annehmen zu dürfen, dass Walti viele Jahre in einer glücklichen, festen Beziehung leben durfte.

J.H. und den übrigen Hinterbliebenen wünsche ich viel Kraft und gegenseitige Unterstützung in der Trauerarbeit, die sie zweifellos in den nächsten Monaten begleiten wird.

Röslistrasse

Offeriert„, zwinkerte mir der Kellner zu und stellte mit verschmitztem Grinsen eine Flûte de Champagne vor mir auf die Bartheke.

In den Ausguss damit!“, antwortete ich, „Ich bin kein Stricher.

Aber …, aber sie kommt von ….“ stotterte der Kellner überrascht und wusste für einen Moment gar nicht, was er in dieser Situation am besten tun oder sagen sollte.

Interessiert mich nicht, vom wem sie kommt. Ich hab‘ dir doch gesagt: ich mache nicht den Wackel.“

Es war nicht das erste Mal, dass mich einer kaufen wollte. Aber das kam natürlich nicht in Frage. Überhaupt nicht. Nie. Ich meine wirklich gar nie. Grosses Indianerehrenwort! Ich mag es ja sonst nicht immer so genau genommen haben mit den moralischen Grundsätzen; aber diese rote Linie habe ich nie überschritten.

Im extremsten Fall bot mir einmal so ein Typ, den ich nie zuvor im Odeon gesehen oder wahrgenommen hatte, einen glatten Tausender. Das hätte damals zwar ungefähr der Hälfte meines Monatslohnes bedeutet. Aber nicht im Traum hätte ich auch nur darüber nachgedacht, diese rote Linie zu überschreiten. Zudem passte der Typ ja auch ganz und gar nicht in mein Beuteschema.

Ich möchte hier jedoch klar festhalten, dass ich Prostituierte, egal welchen Geschlechts, auch damals schon, weder verurteilte noch sonst irgendwie verachtete. Sex for money war einfach nicht mein Ding, keine Option für mich.

Nachdem das geklärt ist, nun wieder zurück zu dem überraschten Kellner: „Aber …, aber es ist doch von …

„Hörst du mir nicht zu? Ich hab‘ doch gesagt, dass es mich nicht interessiert, von wem der Fusel ist. Ich lasse mich nicht kaufen, kapiert …“, wiederholte ich und schob nach einem kurzen Atemzug – inkonsequent, wie ich nun einmal war – trotzdem hinterher: „Von wem ist es denn?“

Von Paul.“ ……………….. „Ahh, okay … Also gut, lass es stehen. Aber ich bezahle das selber, damit das klar ist. Capito?“

Damit es keine Missverständnisse geben konnte, bezahlte ich sofort, nahm aber danach meine Flûte und begab mich damit, nicht zu schnell natürlich, es sollte ja nicht aussehen, als hätte ich auf diese Gelegenheit gewartet, zu Paul, dem schönen Holländer, um mit ihm anzustossen und ihm dafür zu danken, dass er mich einladen wollte. Beleidigen wollte ich ihn ja schliesslich nicht. Jeden anderen vielleicht schon. Aber nicht ihn.

Von ebendiesem Paul hatte mir Toni nämlich ganz am Anfang einmal gesagt, auch im Odeon, ich sollte ihn nicht so anschmachten (was ich übrigens gar nicht getan hatte!), bei dem hätte ich sowieso keine Chance, weil der nämlich alles haben könne, was er wolle, und bestimmt nicht auf einen wie mich gewartet habe. Hä? Auf einen wie mich? Was sollte denn das heissen? War ich etwa nicht gut genug für wen auch immer?

Erst viel, viel später wurde mir klar, was das damals war. Darüber aber ein andermal.

Mensch, das hat aber gedauert!“ meinte Paul mit einem schelmischen Grinsen bis über beide Ohren.

Ich, verdutzt: „Was hat gedauert!?!“

Paul: „Deine Aufmerksamkeit zu erregen… Seit Monaten versuche ich dich anzubaggern. Aber du? Nichts. Nada. Rien. Ein Eisblock. Nicht die geringste Reaktion! Schön, dass du mir heute die Freude machst, ein Glas Schampus zu akzeptieren.“

Ganz ehrlich: ich hatte wirklich nie gemerkt, dass Paul sich für mich interessierte.

Ich: „Oh, nein, nein, das ist ein Missverständnis, Paul. Ich bin bloss hier, um mich dafür zu bedanken, dass du mich einladen WOLLTEST. Aber diese Flûte ist bereits bezahlt, und zwar von mir selber. Wenn du glaubst, dass ich käuflich bin, hast du dich gründlich getäuscht.“

„Irrtum“, lachte Paul und konnte sich kaum von seinem Lachen erholen, „ich habe mich nicht getäuscht. Dass du nicht käuflich bist, weiss ich. Das ist es ja gerade, was mich so sehr an dir reizt: du bist jung, gepflegt, relativ neu in der Szene, gutaussehend, zurückhaltend und schüchtern, immer nur entweder allein oder dann in Begleitung eines dieser beiden Typen (damit waren Toni und Ruedi gemeint), mit denen du dich gelegentlich im Odeon blicken lässt. Ich beobachte dich schon lange. Du lässt niemandem an dich heran. – Ich will dich übrigens gar nicht kaufen. Ich möchte dich verführen …“

SchluckHä? Wie rot kann ein Mensch maximal werden, wenn ihm das Blut unvermittelt in den Kopf schiesst? Keine Ahnung! Aber stell dir einfach das Maximum vor, und dann weisst du, wie rot ich damals geworden war. Rot und grenzenlos verlegen. Anders ausgedrückt: ich muss aus der Wäsche geguckt haben wie der letzte Idiot, ein vollkommener Depp mit heruntergeklappter Kinnlade …

Das hatte ich nicht erwartet, zumal ich doch aus verlässlicher Quelle wusste, dass der allseits begehrte Beau ganz sicher nicht auf einen wie mich gewartet hatte.

However: nachdem wir eine gute Stunde lang viel zusammen gelacht, uns angeregt unterhalten und noch einen Schampus einverleibt hatten, meinte Paul, er würde mir eigentlich gern seine gemütliche Dachwohnung zeigen, da könnten wir uns vielleicht besser unterhalten. Und ich? Der schüchterne, und zurückhaltende Neuling in der Szene? – Ich war einverstanden, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, wohl wissend, dass Paul mir eigentlich etwas ganz anderes zeigen wollte als seine hübsche Dachwohnung.

So landete ich schliesslich an der Röslistrasse am Zürichberg, in der hübschen, sehr gemütlich und geschmackvoll eingerichteten Dachwohnung des begehrten Männermodels aus Arnheim, das eigentlich alles hätte haben können, nicht nur einen wie mich

Aus dieser ersten, angenehm erweiterten Wohnungsbesichtigung entstand über die Zeit eine schöne Freundschaft auf einer ganz anderen Ebene, völlig frei von jeglicher Last der Lust. Wann und unter welchen Umständen es sich jedoch ergab, dass Paul auf ’natürliche‘ Weise offiziell und widerspruchslos in unseren inneren Freundeskreis aufgenommen wurde, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Ich glaube, es war bei Jürg, einem Freund von Monika, der ganz harmlos und unverfänglich zu einem gediegenen Nachtessen bei sich zuhause eingeladen und beim Erstellen der Gästeliste auf Monikas verschmitzten Vorschlag hin ganz zufällig auch an Paul gedacht hatte … Monika wusste (fast) immer Bescheid über meine heimlichen und teilweise auch unheimlichen Abenteuer. Und sie wusste auch, dass Jürg Paul kannte. So viel zu diesem Zufall.

Einmal mehr entwickelte sich ein ursprünglich zweifellos nicht ganz koscheres Ereignis zu einer allseits willkommenen Win-Win-Win-Situation. Paul genoss es, Freunde zu haben, bei denen er nicht immer die Nummer des grossen Mackers abziehen musste, mit denen er aber ab und zu etwas völlig Harmloses unternehmen konnte, zum Beispiel segeln auf dem Zürichsee oder einfach auch nur zusammen zum Essen auszugehen, Toni fühlte sich zu keinem Zeitpunkt in seinem Revier bedroht, und ich war einfach nur froh, dass wir zu dritt entspannt Zeitverbringen konnten ohne befürchten zu müssen, dass Revierkämpfe ausbrachen.

Jürg, der damalige Vermittler, ist ein paar Jahre später leider an AIDS gestorben. Mit Paul haben wir (Toni und ich) im Anschluss an diese orchestrierte Einladung viele gemeinsame, schöne Stunden erlebt. Mit Moni war ich sogar einmal zusammen mit Paul eine Woche lang auf Lanzarote, ohne Toni, aber auch ohne dass dieser sich bedroht fühlen musste. (Auf Lanzarote habe ich übrigens die beste Tomatensuppe meines Lebens gegessen! Boah, war die gut!)

Als Toni und ich unser neues Haus bezogen, bestand Paul darauf, den Teich und den kleinen Wasserfall in unserem Garten gestalten zu dürfen. Wenn er gerade keinen Job als Model bei Schaffhauser Wolle hatte, dann liebte er es nämlich, als Landschaftsgärtner seine Kreativität auszuleben und sich körperlich bis an seine Grenzen auszupowern. Entsprechend gestählt war sein Körper …

Schaffhauser Wolle stellte die Produktion 1991 ein

Leider fiel aber kurz darauf auch Paul dem verdammten Virus zum Opfer. Seine letzten Wochen waren fast unerträglich, auch für mich, aber nicht bloss, weil seine körperlichen Kräfte zusehends nachliessen und Paul langsam zu einem Schatten seiner selbst verblasse, sondern vielmehr noch, weil er erleben musste, wie plötzlich praktisch alle seine vermeintlichen Freunde auf Distanz zu ihm gingen. Fast keiner traute sich noch, Paul die Hand zu reichen oder gar mit ihm irgendwo essen zu gehen … Dabei wusste man doch damals bereits, wie man sich anstecken und wie man eine Ansteckung verhindern konnte.

Paul starb, von seinem damaligen Partner verlassen, allein im Lighthouse. Und ich befürchtete noch monatelang, dass ich meinen dreissigsten Geburtstag möglicherweise, oder vielleicht eher wahrscheinlich, auch nicht mehr erleben würde. Immerhin hatte mir Paul seine Wohnung ziemlich gründlich gezeigt …

Nun bin ich fast siebzig und lebe immer noch! Glück gehabt, nicht nur einmal. – Hurra!

So viele?

Als ich die im zuletzt veröffentlichten Beitrag erstellte Aufzählung der von mir als relevant oder zumindest würdigungswert eingestuften ‚Bekanntschaften‘ physisch vor mir sah, war ich im ersten Moment ein wenig erschrocken.

Waren es wirklich so viele? Es ging mir ähnlich wie Heidy, die kurz nach der Veröffentlichung des Beitrags prompt, nicht weniger überrascht als ich selbst und offensichtlich auch, genau gleich wie ich, leicht entsetzt, eine entsprechende Bemerkung in den Kommentaren hinterliess.

Im ersten Augenblick spielte ich denn auch mit dem Gedanken, die Fortsetzung dieser möglicherweise nicht gesellschaftsfähigen Chronik eines offenbar (auch) in Heidys Augen unseriösen Lebenswandels einfach abzubrechen und mich klammheimlich aus dem Staub des weltweiten Netzes zu machen … Wer braucht denn schon sowas!

Brig, eine interessante, poetische Bloggerin, gab mir aber einen Impuls in die andere Richtung. Mach weiter, sagte sie, als wir uns neulich spontan zu Kaffee und Gipfeli getroffen haben, deine Offenheit könnte anderen Menschen helfen, ihre eigenen, gesellschaftlich möglicherweise auch geächteten Lebensumstände leichter zu akzeptieren. Dieses Gipfeltreffen (so nannte es Brig) hat mich schliesslich dazu veranlasst, meine Zweifel über Bord zu werfen und die Chronik schamlos 🙂 weiterzuführen. Wer nicht will, braucht sie ja nicht zu lesen.

Sollte ich mich für meine Lebensführung schämen? – Nein! Bei genauerer Betrachtung war es nämlich nicht halb so schlimm, d.h. eigentlich gar nicht schlimm, im Gegenteil, sogar richtig gut, denn

  • erstens war ich von Toni ja unmissverständlich darüber aufgeklärt worden, dass ich in unserer Beziehung keine Exklusivität erwarten durfte. Somit schuldete ich auch keine.
  • Zweitens verteilten sich die Affären, denn das ist es, was diese meist zufälligen Bekanntschaften waren, Affären, über dreissig Jahre, was also im Schnitt gerade einmal eine auf ungefähr zwei Jahre ausmachte. So gesehen waren es also gar nicht so viele. Oder?
  • Und drittens hatte ich jedem der betroffenen Gentlemen von Anfang an in weiser Voraussicht überdeutlich klargemacht, dass ich in einer Beziehung lebte und deshalb an keiner gemeinsamen Zukunft mit einem ‚Neuankömmling‘ interessiert war.

Wo liegt also das Problem? Oder wo lag es? – Nur in mir selbst, weil diese Art der Lebensführung eben in keiner Weise meinem ursprünglichen Plan oder meinen eindeutig durch Erziehung und Gesellschaft geprägten Vorstellungen von einem erfüllten Leben entsprochen hatte. Ich hätte viel lieber eine in sich geschlossene Beziehung gelebt, eine, die völlig ohne Affären ausgekommen wäre und sich selbst genügt hätte. Aber das zu bestimmen lag ja aus bekannten Gründen nicht in meiner alleinigen Kompetenz.

Da ich also niemandem Unrecht getan habe, weder Toni noch irgend einem der anderen, übrigens ausnahmslos alles auch interessanten Männern, die ich im Verlauf der erwähnten dreissig Jahre kennenlernen und ein kurzes Stück auf ihrem eigenen Lebensweg begleiten durfte, gibt es keinen Grund, weswegen ich mich schämen sollte. Heidy meinte in ihrem Kommentar denn abschliessend auch, und das absolut nachvollziehbar, dass sie fast ein wenig neidisch sei …

Typisch für alle meine Affären war übrigens, dass ich nie die Rolle des Eroberers eingenommen hatte. Ich hielt mich immer diskret zurück, signalisierte höchstens, aber auch das nur ganz diffus, dass bei mir möglicherweise gerade eine Landebahn frei war und vielleicht sogar ein Stop-Over möglich wäre …

Kurzfristig freie Landebahn

Einen Typen anzusprechen, kam für mich aus verschiedenen Gründen nicht infrage. Dazu fehlte mir neben dem Wunsch oder der Absicht, Toni aufzugeben und mich ernsthaft anderweitig zu orientieren, auch das nötige Selbstvertrauen, und einen Korb wollte ich schon gar nicht einfahren.

So überliess ich es also immer den Andern, eine allfällige Kontaktaufnahme einzuleiten. Das erlaubte mir, jederzeit die Kontrolle über den Fortschritt der ‚Eintritts-Verhandlungen‘ zu behalten und diese sofort abzubrechen, wenn ich es für ratsam oder notwendig hielt, bevor daraus irgendwelche Ansprüche, Verpflichtungen oder auch nur zu hohe Erwartungen resultierten.

Wie Paul, der begehrte Beau aus den Niederlanden, zu seinen ‚Landerechten‘ kam, erfährst du demnächst.

Jetzt scheint aber die Sonne, und ich will ein paar Stunden raus an die frische Luft, was dir sicher auch guttun würde … den ganzen Tag am PC oder am Handy hocken, ist nichts … für mich und dich (COOP :-))

Spiel mit dem Feuer

In meiner französischen Schaukel liefen seit Kurzem die neuesten Songs von MILVA ab Kassette rauf und runter, wenn ich unterwegs war. Auf der Hülle, die ich nicht ganz zufällig auf dem Armaturenbrett meines GS liegen hatte, war aber nicht etwa das Konterfei dieser rothaarigen Diva mit der Löwenmähne zu sehen, sondern das für damalige Zeiten eher etwas gewagte Foto eines jungen, gutaussehenden Mannes mit bis weit unter den Nabel entblösstem Oberkörper und leuchtend blauen Augen: Moritz. Er, der kecke Anhalter aus Basel, hatte die Kassette für mich bespielt, sie mit dem gewagten Foto bestückt und mir geschenkt, verbunden mit dem verbindlichsten Dank für … den Fahrdienst?

Wie auch immer. In meinem Wagen lief nun Milva rauf und runter, und auf dem Armaturenbrett lag der halbnackte Moritz.

Die ‚Versuchsanordnung‚ verfehlte ihre Wirkung nicht. Anfänglich hielt sich Toni zwar tapfer zurück, denn schliesslich wusste er als studierter Philosoph ja auch, dass jemand, der in einer Beziehung keine Exklusivrechte vergibt, wohl auch keinen Anspruch auf solche erheben kann …

Aber nach ein paar Wochen, als MILVA keine Anstalten machte, ihren Platz im Kassettenschlitz meines Autoradios wieder freizugeben, und auch der sexy Typ auf der Kassette weiterhin beharrlich vom Armaturenbrett strahlte, unschuldig und provokativ zugleich, wollte Toni sich nicht mehr zurückhalten:

– Wer ist das?
– Ein Anhalter, den ich vor ein paar Wochen einmal mitgenommen habe.
– Aha (spöttisch)! Und dieser Anhalter hat dir so ein Foto von sich geschenkt?
– Ja, das heisst, eigentlich hat er mir einfach eine Kassette mit Songs von Milva geschenkt.
– Einfach so? Mit diesem Foto drauf?
– Ja, warum nicht? – Vielleicht hatte er grad nichts Anderes dabei, was weiss ich … Stört es dich?
– Ja.

Bingo! – Ende des kurzen Dialogs.

Ich war zwar naïv, mit der Betonung auf war, aber gewiss nicht auf den Kopf gefallen. In der kurzen Zeit unserer jungen Beziehung, wenn man das denn damals überhaupt eine Beziehung nennen durfte, hatte ich gelernt (ja, klar, von Toni, von wem denn sonst!), dass ich mich aufgrund des vertragslosen Zustandes, in dem wir uns befanden, in keiner Weise verpflichtet fühlen musste, dem Monsieur, so nannte ihn seine Schlummermutter Sophie Weber, wenn sie ihn nicht Herr Lehrer nannte, die ganze Wahrheit aufzutischen. Also gab ich auf dieses „Ja“ keine weiteren Erklärungen mehr. Themawechsel.

Die Kassette auf dem Armaturenbrett hatte ausgereicht, um Toni in den erwünschten Vorsichts-Modus zu versetzen. Ich wollte ihn ja nicht in die Flucht schlagen, sondern ihn bloss ahnen lassen, dass er keineswegs der einzige Beau war, der sich für mich interessierte.

Den grössten Teil der Episode Maurice behielt ich deshalb für mich. Von meinen Fahrten nach Basel, vom Club Isola, von der der Dusche in der Küche am St. Johanns-Ring und dem Tee aus wohlriechendem Eisenkraut vor dem Schlafengehen brauchte Toni nichts zu wissen.

Zu Exklusivrechten verhalf mir Tonis aufflackernde Eifersucht allerdings trotzdem nicht. Zwar war es offensichtlich, dass Monsieur Antoine nun eine ausgewachsene Charme-Offensive startete, klar in der Absicht, oder zumindest in der Hoffnung, zu vermeiden, dass ich mich möglicherweise aus dem Staub machen würde. Trotzdem war Toni aber nicht bereit, unser Gschleik auf eine verbindliche Ebene zu heben.

Nun gut, dann eben nicht.

Moritz war aber auch keine Option. Er hatte mir nämlich einen Tripper angehängt und sich damit als valabler Kandidat für eine seriöse Beziehung nach meinem Gusto schon aus dem Rennen genommen, bevor ich diese Möglichkeit überhaupt hätte in Betracht ziehen können. Er war mindestens genau so – sagen wir mal – nachtaktiv (oder nacktaktiv?) wie Toni.

Also gut: fairerweise, und um dem Verdacht einer billigen Schuldzuweisung zuvorzukommen, korrigiere ich mich: niemand hat mir einen Tripper angehängt. Ich habe mir den bei Moritz geholt. Zufrieden?

In der Zwischenzeit wusste ich, dass es da draussen noch ganz viele Mütter mit attraktiven und interessanten Söhnen gab … Also los, Bipo, sagte ich mir, wach auf und schau dich um! Unverbindlich meinetwegen, aber schau dich wenigstens um!

Sollte sich etwas Lohnenswertes ergeben, würde ich diesen Toni ja wohl im Handumdrehen vergessen können, und für den Fall, dass sich eben doch nichts ergab, konnte ich ihn ja weiterhin warmhalten. In Reserve sozusagen, oder wie er es zu formulieren pflegte: nicht exklusiv.

Im nächsten Beitrag geht es um die zahlreichen Abenteuer eines in der Zwischenzeit nicht mehr ganz frischen, sondern eines regelrecht ausgekochten Landeis …

Nun gut, jetzt nicht mehr so ganz frisch, sondern ziemlich ausgekocht … und neu aus dem Toggenburg

Damit du dich schon einmal ein wenig vorbereiten kannst: An die Namen von vielen Eroberungen, kann ich mich, und will ich mich auch gar nicht mehr erinnern, weil ich es mit ihnen jeweils nicht über eine One-Night-Show hinausgebracht hatte. Eintagsfliegen. Kaum der Erinnerung wert.

Aber die folgenden Gentlemen verdienen, jeder einzelne, eine ausführliche Würdigung:

  • Walter, der Figaro mit den tiefschwarzen, melancholischen Augen, aus St. Gallen
  • Hans, der stilsichere Optiker, aus Zürich
  • Walter #2, der Dirigent, auch aus St. Gallen
  • Ernst, der Wirt, aus der Region um Stäfa
  • Silvio, der verliebte Student, aus Luzern – bei ihm würde ich mich entschuldigen, wenn ich könnte!
  • Dieter, der Architekt, aus Stuttgart
  • Paul, Landschaftsgärtner und Model für Schaffhauser Wolle, aus Arnheim, wohnhaft in Zürich †
  • Jörg, der Manager, aus Herrliberg †
  • Leo. Ach Leo, für dich hätte ich vielleicht sogar Toni in die Wüste geschickt …
  • Andrew, der Tourist aus Australien †
  • Mauricio, der VIP-Stylist aus Kolumbien †
  • Hans, der Arzt, aus dem Moustache
  • Ernesto Luna, Mesero aus Quito, Ecuador
  • Armando, der schäbige Egoist, aus Quito, Ecuador
  • Andreas, der Dozent, aus Winterthur †
  • G.K., der Fernsehmoderator, aus Gründen der Diskretion keine näheren Angaben
  • Marcel, der romantische Manager, aus Zürich
  • Othmar, der Gute

Sollte ich jemanden vergessen haben, bitte ich höflichst um Entschuldigung. Da ich nicht Buch geführt habe, ist es fast sicher, dass die Liste nicht vollständig ist. Wer sich aber zurückgesetzt, übergangen oder unterbewertet fühlt, darf sich zwecks Abklärung gern bei mir melden, damit ich ihn (ein Gender-Sternchen ist hier aus nachvollziehbaren Gründen überflüssig) nach strenger Prüfung allenfalls nachträglich in meinen ganz persönlichen WALK OF FAME aufnehmen kann 🙂


Chuchituschi und Recycling

Irgendwann, auf jeden Fall noch bevor der Winter Einzug hielt und jedem Anhalter das Leben schwermachte, wenn nicht sogar unmöglich, war ich mit meiner luftgefederten, französischen Schaukel unterwegs auf der A3 in Richtung Zürich, mit dem Ziel, die Autobahn bei Bilten zuverlassen und von dort aus über Hauptstrassen via Schänis und Kaltbrunn auf den Ricken zu gelangen, und dann weiter über Wattwil und Bütschwil nach Mosnang.

Da ich selber jahrelang als Anhalter unterwegs war, war es für mich selbstverständlich, dass ich ausnahmslos jeden mitnahm, der am Strassenrand mit einem ‚Daumen hoch‘ zu verstehen gab, dass er nach einer Fahrgelegenheit suchte. Mit jeder meine ich natürlich auch jede. Damals war Sprache noch einfach, und jeder schloss automatisch auch das weibliche Geschlecht, also jede, mit ein.

Der Zufall wollte aber, dass es diesemal tatsächlich ein junger Mann war, obwohl ich, wie gesagt, mit grösster Selbstverständlichkeit auch eine junge Frau mitgenommen hätte.

Es stellte sich heraus, dass der Stöppler, dem ich meinen Beifahrersitz angeboten hatte, auf dem Weg nach Basel war, wo er in einer Ausbildung zum Physiotherapeuten steckte. Fester Bestandteil dieser Ausbildung war ein Praktikum, welches alle angehenden Physios in einer Klinik machen mussten, und mein zufälliger Fahrgast hatte sich entschieden, dieses in der Bäderklinik Valens zu absolvieren. Das erklärte, weshalb er auf dieser Strecke, und vor allem als Anhalter untwerwegs war, da Studis sowieso immer knapp bei Kasse waren und deshalb verständlicherweise möglichst kein Geld für den öV ausgeben wollten.

„Maurice“, stellte er sich vor. Und ich: „Freut mich, Philipp“.

Am Anfang ging alles gut. Wir tauschten ein paar beliebige Belanglosigkeiten aus, und ich konzentrierte mich, so wie es sich für einen verantwortungsvollen Fahrer gehört, auf die Strasse. Aber kaum waren wir in Walenstadt, ungefähr auf der Höhe des ehemaligen Männerbades, spürte ich plötzlich etwas Warmes auf meinem rechten Oberschenkel. Eine Hand! Und da das definitiv keine meiner Hände war, die waren nämlich beide am Steuer, und ich ziemlich überrumpelt, fiel mir nichts besseres ein als: „Finger ab de Röschti, oder ich halte-n-a und du stigsch uus!“

So perplex wie ich über seine Unverschämtheit war, zu welcher ich ihn, das muss ich hier in aller Deutlichkeit anfügen, in keiner Weise ermuntert hatte, so perplex war der saubere Herr Anhalter offenbar über meine Reaktion. Immerhin, er entschied sich für die erste Option: „tschuldigung.“ – „Scho guet.“

Da es zu keinen weiteren, unverschämten Annäherungsversuchen kam und der Nachmittag schon weit fortgeschritten war, empfand ich trotz allem in gewisser Weise Mitleid mit dem angehenden Physotherapeuten und bot ihm an, die Autobahn in Bilten nicht zu verlassen, sondern ihn bis zum HB in Zürich zu fahren, damit er von dort aus einen Schnellzug nach Basel nehmen konnte … Tja, mein gutes Herz für Anhalter! Dabei wär’s doch so einfach gewesen, ihn in Bilten loszuwerden, ohne dass es nach einer, zweifellos in jeder Hinsicht verdienten, Strafe asugesehen hätte. Aber nein, ich war blöd genug, diese mir geradezu auf dem Silbertablett servierte Chance in den Wind zu schlagen.

Auch in Zürich lud ich den Anhalter nicht einfach aus, was zweifellos das Vernünftigste gewesen wäre, sondern parkierte beim HB und begleitete den nach meiner doch etwas gar heftig ausgefallenen Reaktion ziemlich zusammengestauchten jungen Mann zum Gleis, wo ein Zug nach Basel schon bereitstand. Wahrscheinlich hätte ich den Kerl sogar nach Basel gefahren, wenn es keine vernünftige Zugsverbindung mehr gegeben hätte. Zu lebendig war noch die dankbare Erinnerung an die vier Studenten, die vor ein paar Wochen mich aufgeladen und mitgenommen hatten, nicht nach Paris zwar, wo ich eigentlich hin wollte, aber immerhin nach Marseille …

Maurice stieg ein, zog eilig das Fenster herunter und rief: „Bekomme ich deine Telefonnummer?“ – Das wäre wohl die letzte Möglichkeit gewesen, um ohne weitere Konsequenzen aus dieser schrägen Situation herauszukommen. Aber nein, ich verpasste auch diese Ausfahrt, typisch Bipo, und gab ihm meine Nummer, nur mündlich zwar und ganz sicher, das er diese bis Basel sowieso längst vergessen hätte …

Vom HB aus wählte ich den Weg über Winterthur und Wil nach Mosnang, anstatt auf der A3 bis Pfäffikon zurückzufahren und von dort aus via Rapperswil auf den Ricken und nach Mooslig zu gelangen.

Kaum war ich zuhause, klingelte auch schon das Telefon: „Ich möchte mich bloss noch einmal entschuldigen und dafür bedanken, dass du mich trotz meines unverzeihlichen Übergriffs sogar bis nach Zürich gefahren hast. Das weiss ich sehr zu schätzen … Darf ich dich zum Zweck einer Wiedergutmachung am Samstag zu einem Nachtessen in Basel einladen? – Und, was glaubst du, hat Bipo, das Superhirn, geantwortet? – Klar: „Ja, gern.“. Ich tappte schon wieder in die Falle! – Diese verflümerten Hormone!

Die Geschichte zog sich glücklicherweise nicht über Monate hinweg. Ich war danach zwar zwei oder drei Mal in Basel, um mit Maurice im Club ISOLA tanzen zu gehen, und ja, zugegeben, übernachtet habe ich dann jeweils auch bei Monsieur Maurice, der übrigens laut Eintrag im Pass nicht Maurice, sondern Moritz hiess, was meines Erachtens auch viel besser zu dem unverschämten Studenten am St. Johannsring passte. … Vor dem ‚Schlafen‘gehen gabs jeweils einen Verveine-Tee, zu deutsch Eisenkraut, und geduscht wurde in der Küche, wo es in der Studentenbude die einzige, ich glaube sogar hochklappbare und damit platzsparende, Dusche gab … daher das Codewort Chuchituschi (Schweizerdeutsch für Küchendusche), welches Ruedi und ich später benutzten, um uns an die Episode Moritz zu erinnern. Dass Moritz mir als Name treffender schien als Maurice, hat zweifellos damit zu tun, dass mich sein flegelhaftes Verhalten an den Moritz aus Wilhelm Buschs Erzählungen erinnerte.

Da mein Ziel nach wie vor ein gemeinsames Leben mit Toni war, wollte ich mich auf keine andere, ernsthafte Beziehung einlassen. Das machte ich dem Flegel aus Basel gleich zu Beginn klar, damit es später, wenn der kurze, gemeinsame Weg zu Ende war, keine Schwierigkeiten gab. Ein schlechtes Gewissen brauchte ich Toni gegenüber zwar nicht zu haben, hatte ich auch nicht, denn schliesslich war ja er derjenige gewesen, der die Furzidee ’nicht exklusiv‘ ins Spiel gebracht hatte, woraus ich, dem gesunden Menschenverstand folgend das Recht ableitete, dass das auch umgekehrt Gültigkeit hatte. Aber ich wollte frei sein, bereit für Toni, falls dieser denn endlich einsehen sollte, dass ich, und nur ich, exklusiv, der Richtige für ihn wäre …

Im Fall von Moritz verhielt es sich nun so, dass ich ihn nicht einfach herz- und gefühllos abservieren wollte, denn eigentlich war er ja ganz in Ordnung, und unter anderen Umständen hätte ich vielleicht sogar als Max zu ihm gepasst. Da Ruedi in der Zwischenzeit aber glücklicherweise sein wahres ICH entdeckt und ein enormes, wenn nicht sogar gigantisches, Nachholbedürfnis hatte, bot sich für Moritz, oder sagen wir fairerweise für mich, eine viel elegantere Lösung an, eine Win-win-win Situation sozusagen, in der wir alle drei auf unsere Kosten kommen sollten.

Ich richtete es so ein, dass ich Ruedi diesen Moritz, alias Maurice, schon bald einmal persönlich vorstellen konnte, nachdem ich ihn, nicht Moritz natürlich, sondern Ruedi, vorher entsprechend instruiert hatte, und liess der Geschichte danach freien Lauf …

Mein bester Freund tat pflichtschuldigst, worum ich ihn eindringlich gebeten hatte, umgarnte den Flegel aus Basel nach allen Regeln der Kunst – die beherrschte er nämlich noch einwandfrei aus seiner Zeit als Weiberheld – und spannte mir den abenteuerlustigen Lover kurzerhand aus.

ich Win-win-win … ich gehe davon aus, dass das nicht näher erklären muss …

Nur eines noch: ich habe mich gestern über WhatsApp eine Weile lang mit Ruedi und seinem langjährigen Partner Urs unterhalten, und da die Episode Moritz wegen eben diesem Beitrag, den ich gegenwärtig in Bearbeitung habe, sich in meinem fossilen Arbeistspeicher sowieso dauernd in den Vordergrund drängt, haben wir natürlich auch darüber gesprochen und gelacht. Dabei haben wir festgestellt, surprise, surprise … dass auch Urs die Chuchituschi aus eigener Erfahlung kannte.

Nachhaltiger kann man Recycling nun wirklich fast nicht mehr betreiben, oder? Und wow! Wir beherrschten diese Technik schon, als die Grünen noch nicht einmal ein Wort dafür hatten …

Rudolph

Ja, richtig, ich meine nicht das Rentier mit der glänzenden, roten Nase, sondern wie angekündigt Ruedi, meinen besten und langjährigsten Freund, mit dem ich nie (wirklich nie!) ‚etwas‘ hatte. Ich habe immer nur brüderlich mit ihm geteilt … aber zusammen hatten wir tatsächlich nie etwas :-), ausser ab und zu, naja, eigentlich ziemlich regelmässig, einen sitzen, weil wir in Mooslig – ich glaube, es war jeweils am Mittwoch- oder am Donnerstagabend – eine Flasche (ja, eine ganze!) Rémy Martin, oder dann eine mit weissem Wermuth geleert (sprich: gesoffen) hatten.

Dass ich Ruedi aber überhaupt kenne, verdanke ich Agnes, einer damaligen Arbeitskollegin in Mooslig, die später den gutaussehenden Lehrer und Tschutter Werner Keller (von Mühlrüti oder vom Dreien?) heiratete und deshalb seither Agnes Keller heisst. Sie war eine fröhliche, immer für einen Spass zu habende Kollegin, und sie hatte Ruedi damals auf mich angesetzt, weil ihr scheinbar nicht verborgen geblieben war, dass mich über eine geraume Zeit eine undefinierbare Betrübtheit fest im Griff hatte . Was es war, konnte sie Ruedi nicht sagen, weil sie es ja selber auch gar nicht wusste. Sie mache sich einfach Sorgen um mich, hatte sie ihm gesagt, und er soll doch bitte einmal möglichst unauffällig bei mir vorstellig werden, um zu erörtern, ob ich vielleicht Hilfe bräuchte …

So kam es, dass an einem Mittwochabend zu relativ später Stunde, der mir damals als Schwarm aller Schwiegermütter bekannte, einzige Unternehmer mit einer grösseren Bude in dem Achthundert-Seelen-Dorf Mooslig, der Herr Ruedi Brändle, so ganz unauffällig zufällig an meine Türe klopfte und, als ich ihn verdutzt mit übergrossen Fragezeichen in den Augen sprachlos anglotzte, unvermittelt fragte: „Bekomme ich einen Kaffee?“ – Hä?!? „Ah, ja, warum nicht … kommen Sie rein.“ So viel zum Thema unauffällig!

Bei mir selbst dachte ich allerdings: „Ist bei dem vielleicht eine Schraube locker? Kommt einfach so hier angerauscht, weder eingeladen noch sonst irgendwie erwartet, poltert an meine Türe, duzt mich(!) und verlangt einen Kaffee … Geht’s noch?!? Ein seltsames Volk, diese Toggenburger!“ Zwar wusste ich, dass Herr Brändle im Dorf jemand war und sich deshalb viel erlauben konnte, aber trotzdem … seltsam, seltsam …

„Ruedi“, stellte er sich vor, streckte mir spontan eine seiner Vorderpfoten entgegen und drückte damit aus, dass er die mir soeben unter zweifelhaften Umständen abgerungene ‚Einladung‘, die ich ihm ja wohl schlecht hätte verweigern können, annahm, und setzte ohne zu zögern seinen ersten Fuss von der letzten Treppenstufe in meine Wohnung. Einen Treppenabsatz gab es da nämlich keinen. Von der letzten Stufe gelangte man direkt in die kleine Dachwohnung.

Worüber wir an jenem Abend gesprochen hatten, und was ich dem überraschend aufgetauchten Dorfcasanova schliesslich offeriert hatte, Kaffee, Tee oder vielleicht einen Rémy Martin, darüber gibt mir mein Erinnerungsvermögen leider keine Auskunft. Zu verwirrt liess mich das seltsame Ereignis in jener Nacht zurück, als dass sich mein Gehirn irgendwelche strukturierten Details hätte merken können.

Auf viel mehr als höflichen Smalltalk, da bin ich sicher, hatten wir es mit unserer Unterhaltung an diesem Abend ganz bestimmt nicht gebracht, denn dafür fehlte jegliche Vertrauensbasis. Kaffee gab’s vermutlich auch keinen. Ich tendiere eher auf etwas Hochprozentiges … Aber, wie bereits erwähnt, das weiss ich nicht nicht mehr.

Warum ich Ruedi, der heute einer meiner beiden besten Freunde ist, als Dorfcasanova bezeichne, willst du wissen? Weil es damals so war! Es war ein offenes Geheimnis, dass der gutaussehende Jungunternehmer seine Freundinnen wechselte wie andere Leute die Socken. Und man munkelte im Dorf, dass die Freundinnen, wenn sie es denn einmal geschafft hatten, ihn wenigstens für ein paar Wochen für sich zu gewinnen, jeweils mit grosszügigen Abfindungen aus ihren ‚Beziehungen‘ entlassen wurden, wenn die nächste Kandidatin ihren Platz einnahm, in der heimlichen Hoffnung, dass ihr, also der Neuen, das Glück eines Heiratsantrags, oder wenigstens das einer Verlobung beschieden sein möge. Diese Hoffnungen waren durchaus verständlich, denn der grosszügige Casanova war schon damals deutlich über dreissig Jahre alt, uralt aus meiner Perspektive, und schliesslich durften die Damen im heiratsfähigen Alter berechtigterweise erwarten, nicht wahr, dass der flatterhafte Weiberheld endlich eine endgültige Entscheidung träfe ..

Als er sich an jenem denkwürdigen Mittwochabend aus der Dachwohnung im Haus von Loser Häns‘ verabschiedete, fragte der seltsame Gast, eher beiläufig als interessiert, denn schliesslich hatte er ja bloss Agnes‘ Auftrag auszuführen, ob er sich wieder bei mir melden dürfe … Eigentlich spricht nichts dagegen, dachte ich, und wenn es dem Herrn denn ein ein Bedürfnis ist, wohlan, ich verpasse dabei ja nichts …„Ja, klar,“ antwortete ich nach kurzem Zögern, da ich damals ja noch nicht wusste, dass Herr Brändle bloss auf Agneses Geheiss gekommen war und herausfinden sollte, was mit mir los war … ein Spion sozusagen.

Aus diesen abendlichen Besuchen wurde bald eine Art Tradition. Ruedi tauchte regelmässig bei mir auf, praktisch jede Woche, am Anfang immer am Mittwoch oder am Donnersatag, und jedesmal brachte er eine Flasche Rémy Martin mit, oder eine Flasche weissen Wermuth. Und genau so regelmässig verliess er meine Wohnung nie, bevor die mitgebrachte Flasche leer war … Sehr spät war das in der Regel allerdings nicht, denn, da mein Gast pflegte, am Morgen in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, um gegen vier Uhr bereits in seinem Büro sein Tagewerk zu beginnen, lang bevor die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erschienen und ihn von der Arbeit abhielten, musste er am Abend früh ins Körbchen.

Eigentlich hätte es mir ja egal sein können, aber da ich nach und nach begann, diesen Ruedi irgendwie zu mögen, ihn nicht mehr als den schrägen Typ zu sehen, der unaufgefordert, zumindest unaufgefordert von meiner Seite, an die Wohnungstüre klopfte, sondern als einen ganz und gar sympathischen und durchaus liebenwerten Zeitgenossen, vielleicht sogar als eine Art Freund, entschied ich mich, ihn zu bitten, sich zu seinem eigenen Schutz nicht mehr bei mir sehen zu lassen … Dieser Entschluss war über mehrere Tage herangereift, und er fiel mir nicht leicht.

Ich erklärte Ruedi anlässlich seines nächsten Besuchs, umständlicher wär’s wohl kaum möglich gewesen – darüber lache ich heute noch – dass ich vom andern Ufer sei, und dass es deshalb bestimmt besser für ihn wäre, wenn er sich nicht mehr bei mir blicken liesse. Nicht, dass er sich Sorgen darüber machen müsste, dass ich über ihn herfallen könnte, oh nein, das ganz sicher nicht, aber wenn die Bevölkerung Wind von meiner sexuellen Orientierung bekäme, dann wäre es zweifellos um seinen Ruf in der Gemeinde geschehen und seine Zukunft als lokaler Unternehmer wäre ruiniert.

Nicht ein einziger Gesichtszug entgleiste meinem Gegenüber, kein Mundwinkel zuckte unkontrolliert, und, ohne vorher auch nur überlegen zu müssen, nicht einmal kurz, sagte er: „Das ist mir egal. Und es geht niemanden etwas an. Sei versichert, von mir wird niemand davon erfahren. Vorher würde ich mir die Zunge abbeissen …“ – Wopp! Diese Antwort hatte ich nicht erwartet. Und weiter: „Aber ich möchte die gemütlichen, gemeinsamen Abende nicht missen.“ Das hatte ich auch nicht erwartet. Nun gut, ich hatte ihn gewarnt, und damit war mein Gewissen entlastet… Wenn er mit diesem Risiko leben und damit umgehen konnte, war das seine Sache.

Wir trafen uns weiterhin, einmal wöchtentlich, mehr oder weniger.

Der Sommer schickte sich an, den Stab an den Herbst zu überreichen. Die Nächte wurden lang und kalt, und einmal, wir hatten in einer dieser dunklen Nächte schon wieder ganz schön einen sitzen, verriet mir Ruedi unvermittelt, dass ihn das Thema eben doch nicht so kalt lasse, wie er im ersten Moment selbst geglaubt habe. Im Gegenteil, es lasse ihn sogar gar nicht mehr los, und er könne sich einfach nicht vorstellen, dass ich in solchen Kreisen verkehren würde. Ob es mir etwas ausmachen würde, ihn einmal mitzunehmen, wenn ich nach Zürich führe, damit er sich selbst ein Bild machen und es sich besser vorstellen könne …

Ins Café Odéon wollte Ruedi nicht. Das hatte (und hat auch heute immer noch) Fensterscheiben vom Boden bis zur Decke, und das Risiko, in dieser Vitrine zufällig von einem Bekannten erkannt zu werden, der folglich vermuten könnte, Ruedi wäre schwul, war ihm dann definitiv doch zu gross … Ich nahm ihn also mit in den Schwarzen Kater, glaube ich, oder ins Pussy Cat. Oder in beide. Auf jeden Fall verlief die ‚Führung‘ ziemlich unspektakulär und Ruedi war, scheinbar, beruhigt. Scheinbar. Wir trafen uns weiterhin in der kleinen Dachwohnung zur wöchentlichen Besäufnis, so als wäre nichts gewesen, und die Exkursion ins Milieu … war kein Thema mehr.

In eine Vitrine?- Oh nein, da will ich nicht rein.

Zwei oder drei Wochen später, an einem Abend, an dem Ruedi nicht abkömmlich war, begab ich mich wieder einmal auf die Pirsch. Oder auf den Wisch, wie das im gängigen Szene-Vokabular damals hiess. Zum Schluss landete ich im Schwarzen Kater und bestellte wie üblich einen Gin-Fizz oder vielleicht eine Stange, bevor ich mich an das schummrige Licht gewöhnt und die angelaufene Brille geputzt hatte, um danach subito einen Schnell-Scan über das anwesende Publikum laufen zu lassen. – Moment mal, das da hinten, der Typ dort in der dunklen Ecke an der Bar, das ist doch … da hol mich doch der Teufel, wenn das nicht Ruedi ist! Natürlich war er es! Und auf meine blöde Frage: „Was tust denn DU hier???“, antwortete er, fast als würde er sich schämen: „Ich glaube, ich bin wie du …“

Wie bitte!?! Schon fast pensioniert, und erst jetzt merkte er DAS?!? … „Ich glaube, ich bin wie du …“

Saublöd!

Nachdem ich auf dem Kurztrip nach Paris Tonis Auftrag nicht ausgeführt, also keine Hörner abgestossen hatte, nicht einmal in Gedanken, befand ich mich auf heimischem Boden nun also wieder in der gleichen, beschissenen Situation wie vor der Abreise: not exclusive!

Nun gut. Ich war immerhin ein ganzes Stück weiter als damals, bevor ich mich in Zürich, auf der Brücke zwischen Bahnhof und Central, von einem wildfremden Menschen, sprich: einem Mann(!), mitten in der Nacht zum Tee an der Bühlstrasse in Dietikon hatte einladen lassen. – Verrückt, nicht wahr?

Eine der Konsequenzen, die aus der spontanen Annahme der mitternächtlichen Einladung resultierte, war die, dass ich in der Zwischenzeit ein paar einschlägige Treffunkte kennengelernt hatte, zu denen der studierte Teekoch mich grosszügigerweise exklusiv mitgenommen hatte: das Odeon, das Pussy Cat, den Schwarzen Kater und, was war da noch … das Carroussel an der Zähringerstrasse 33 vielleicht? Oder hiess das damals noch anders? Egal. Es waren jedenfalls lauter Lokalitäten, wo sich nachts bei meist schummrigem Licht in dichtem Rauch Männer mit eindeutigen Absichten trafen. Die Szene. – Champagner, Prosecco und selbstverständlich auch Cocktails jeder Art flossen in Strömen und halfen manch einem, seine moralischen Hürden leichter zu überwinden. Nicht mir. Auf jeden Fall nicht am Anfang. Ich hatte immer noch mit den Auswirkungen der katholischen Indoktrination aus meiner Kindheit zu kämpfen, mit den ‚moralischen‘ Grundsätzen aus der damals landläufig als Erziehung bezeichneten Gehirnwäsche.

Ich wusste zwar, wo sich all die hübschen Söhne anderer Mütter zur gemeinsamen Balz trafen, aber nicht wie ich es ‚angattigen‘ sollte, um in diesem Game erfolgreich zu sein. Keine Strategie. Nada. Dass ich jemanden ansprechen würde, kam schon gar nicht in Frage. Ich wagte es ja kaum, einen Mann auch nur anzusehen, wenn ich befürchten musste, dass er es merken könnte. Und wenn schliesslich einer mich ansprach, dann zuckte ich vor Schreck zusammen und verhielt mich so abweisend, dass kaum einer es ein zweites Mal versuchte … Abgesehen davon hätte man mir jeden dieser Schönlinge einzeln auf den Bauch binden können, da wäre gar nichts passiert. Ich war auf Toni fixiert, bis …

… tja, bis eben einer daherkam, der mich auf dem falschen Fuss erwischte, das heisst, vielleicht eben grad nicht auf dem falschen, sondern auf dem richtigen … Maurice.

Saublöd! – Jetzt fällt mir grad ein, dass ich ein ganz wichtiges Ereginis noch gar nicht erzählt habe, das jedoch unabdingbare Voraussetzung für das Verständnis der moritz’schen Episode ist: Ruedi

In meinem nächsten Beitrag geht es dann also zunächst einmal um Ruedi, heute wohl mein bester Freund, mit dem ich nie, wirklich nie, ‚etwas‘ hatte (ich muss das betonen, denn daneben gibt es auch einen besten Freund, Hans, mit dem ich sehr wohl ‚etwas‘ hatte :-)), und erst danach, dann aber sicher, heiliges Ehrenwort, um Maurice, falls nicht wieder so saublöd etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt.

Ruedi, zieh‘ dich warm an und sorge dafür, dass du einen Rémy Martin in Griffnähe hast, wenn mein nächster Beitrag kommt 🙂 Nein, nein, keine Sorge! Es wird nicht so schlimm, und es wird auch nicht weh tun. Nur ein bisschen ‚Heimweh‘ nach alten Zeiten vielleicht. Aber das spülen wir dann mit dem Rémy locker hinunter. Ready? – Bis bald!

Erinnerst du dich, Ruedi?

Vingt francs …

Der Kurztrip mit Autostopp via Marseille nach Paris und in der Businessklasse der Swissair wieder zurück nach Zürich war nicht mein erster Besuch in der Stadt der Liebe. Ich war vier oder fünf Jahre früher, ich bin fast sicher es waren vier, schon einmal dort gewesen. Damals war es allerdings wichtig und richtig, nicht wie bei meinem zweiten Besuch, dass ich allein unterwegs war. Ich hatte etwas enorm Entscheidendes zu erledigen, von dem keine Menschenseele je etwas erfahren sollte …

Damals reiste ich mit dem Nachtzug, nein nicht mit dem berühmten von Pascal Mercier nach Lissabon, sondern eben mit einem ganz und gar gewöhnlichen Nachtzug, nach Paris. Wenn ich mich richtig erinnere, dauerte die Reise elf Stunden. Ab Zürich. Eine halbe Ewigkeit. Und was bekommt ein normaler, junger Mensch nach einigen Stunden im Zug? Richtig: Hunger! Und zwar richtig. In dieser Hinsicht war ich immerhin ganz normal. Ich begab mich also – ich glaube, es war irgendwo, oder irgendwann, zwischen Lyon und Paris – in den Speisewagen und bestellte, da ich von dem, was in der Karte stand, nicht wirklich viel verstand, einfach etwas Französisches, das appetitlich aussah: Andouiettes!

Seit diesem Tag weiss ich, was ich ganz sicher nie wieder irgendwo bestellen werde. Nie wieder. Never again! For sure. Pfui Teufel, was das Zeug gruusig. Zwar fand ich erst viel später heraus, was da auf meinem Teller gelegen hatte, aber ich brachte auch ohne dieses Wissen keinen Bissen davon runter. Lieber hungerte ich bis Paris weiter, denn mehr Geld für ein weiteres Fiasko wollte ich meinem Budget zuliebe nicht aufwerfen, und bestellte dann dort ein anständiges Enctrecôte mit Kräuterbutter und leckeren Pommes frites.

Später lernte ich:
Andouillette ist eine Innereienwurst, hauptsächlich aus dem Darm und Magen vom Schwein, es kann aber auch noch Anderes drin sein, auch von anderen Tieren … Aha! Alles klar! 

Aber jetzt zu meiner Mission in Paris. Es gab damals viele schräge Theorien, worauf Homosexualität zurückzuführen sei und wie man sie heilen könnte. Diese Theorien habe ich natürlich aufgesogen wie ein trockener Schwamm, vor allem den Teil mit den Heilungsmethoden. Nichts wollte ich mehr als einfach nur normal sein.

Eine dieser Theorien besagte, dass die sexuelle Ausrichtung eines jungen Menschen auf dem Prinzip der Verführung und des Vorbilds beruhe. Nun, nachdem ich ja bereits mit 12 Lenzen einschlägige Erfahrungen mit einem älteren Mann gemacht hatte, hielt ich zumindest diesen Teil der Theorie mit der Verführung für möglicherweise plausibel. Dagegen sprach allerdings, dass während meiner Kanti-Zeit, also etwa von meinem fünfzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahr, mehrere Mädchen versucht hatten, zwei davon sogar mit Erfolg(!), mir ihre Zunge in den Hals zu stecken, was ich allerdings immer als, gelinde ausgedrückt, eher ungangenehm empfand.

Die Sache mir dem Vorbild konnte ich zum Vornherein abhaken. Hätte ich meine Eltern, und wer hätte es denn sonst sein können, wenn nicht die Eltern, als Vorbild genommen, wäre ich wahrscheinlich eher asexuell als homosexuell geworden. Da gab’s gar nichts abzugucken! Wir waren zwar fünf Kinder, was heisst, dass da schon etwas gelaufen sein muss, aber ich frage mich heute noch, wie das möglich war.

Eine weitere Hoffnung hatte ich auf die Rekrutenschule gesetzt. „Die macht aus jedem Jungen einen richtigen Mann„, hiess es damals, was auch immer das bedeuten mochte. However: Ich hatte meine Hoffnung darauf gesetzt, dass die siebzehn Wochen der RS auch aus mir den Mann machen würden, der ich sein wollte. Einer, der eine Freundin mit nach Hause bringt, die er vielleicht später heiratet und nach dem Vorbild aller Eltern weltweit eine Familie mit ihr gründen würde.

Weit gefehlt! Anstatt geheilt zu werden, verliebte ich mich hoffnungsloss in meinen Zugführer, den Leutnant Elmiger, und fand mein Leben danach noch viel beschissener, da dieser mich zwar bei Gefechten zu seiner persönlichen Ordonnanz machte – super! – und ich deshalb immer ganz nah‘ bei ihm sein konnte, aber auch nur das und nicht mehr. Und als die RS vorbei war, hatte ich nicht einmal mehr diese Nähe zum Objekt meiner Begierde …

Der letzte Strohhalm, an den ich mich jedoch immer noch klammerte, war trotz all der bereits erwähnten Gründe, die dagegen sprachen, immer noch die Theorie der Verführung. Und damit kommt jetzt endgültig wieder Paris ins Spiel … Wenn ein junger Mann durch Verführung homosexuell werden konnte, dann musste das doch auch umgekehrt funktionieren. Oder nicht?

Ich fuhr mit einer ganz konkreten Vorstellung in die Stadt der Liebe, um mich dort verführen (und heilen?) zu lassen! Das war wohl eine der bescheuertesten Ideen, die ich in meinem ganzen Leben je hatte. Aber ich wollte halt nichts unversucht lassen 🙂

In Paris nahm ich ein kleines, einfaches Hotel in der Nähe des Moulin Rouge und begann schon bald mit der Suche nach einem Mädchen, von dem ich mich verführen lassen wollte … Stundenlang streunte ich am Abend durch die Strassen rund um die Place Pigalle und musterte die zahlreichen Prostituierten, die sich dort für wenig Geld anboten. Eine von ihnen schien mir für mein Ansinnen geeignet zu sein: jung, hübsch, und irgendwie auf ihre Art sogar auch sympathisch. Und sie gab sich wirklich alle nur erdenkliche Mühe, um mich zu verführen. Nach meiner fünften Runde, ständig um die selben Häuser, machte ich schliesslich Nägel mit Köpfen und liess mich von ihr in den nahegelegenen Puff (ver)führen.

Im Parterre hockte, so wie man das aus Filmen kennt, eine stark übergewichtige Puffmutter, mit der Odette, so wollte sie, dass ich sie nenne, kurz ein paar Worte wechselte, die ich nicht verstand, und im ersten Stock, den man über eine schmale, dunkle und steile Treppe erreichte, führte die erste Türe auf der rechten Seite in das kleine, völlig in rotes Licht getauchte Zimmer meiner Verführerin.

Spätestens als sich die Tür zum meinem Therapieraum schloss, wurde mir, als hätte ich das nicht schon lange vorher gewusst, überdeutlich klar, wie deppet dieser hölzerne Versuch war, und dass daraus unmmöglich die erwartete Heilung resultieren würde.

Bevor die eigentliche Therapie begann, bestand Odette auf Vorauskasse. „Vingt francs„, sagte sie, „et je vais faire un peu plus long pour encore vingt francs de plus …“ . „Oh, nein, nur das nicht, bitte“, dachte ich, „ich will hier bloss so schnell wie möglich wieder raus.“ – Odette sagte ich aber: „Non, merci, je ne suis qu’un pauvre étudiant, et je n’ai pas autant d’argent.“

Dann tat ich, was gemäs geschäftlichen Vereinbarungen dieser Art im allgemeinen vogesehen ist, und machte mich nachliessend, nach erfüllter, mir selbst auferlegter Pflicht(!), beinahe fluchtartig aus dem Staub, zurück zu meinem Hotel, wo ich eine ausgiebige, heisse Dusche mit gaaaaanz viel Seife nahm …

Die restlichen Tage in Paris verbrachte ich im Louvre, im Château de Versailles, in den zahlreichen Parks, im Qartier Latin und mit zahlreichen touristischen Aktivitäten wie zum Beispiel dem Besteigen des Eifelturms und des Mont Martre, auf dem ich mich von einem Strassenkünstler porträtieren liess. Das Porträt – den Rahmen dazu machte ich später selbst in einem obligatorsichen Weiterbildungskurs für Holzbearbeitung – hängt heute noch in meiner Garage. Ich erkenne mich darauf auch immer noch und schmunzle jedesmal, wenn es mich an den lächerlichen Therapie-Trip nach Paris erinnert.

Et quel est le problème?

Interessanterweise brachte mich Tonis Ansage nicht völlig aus dem Gleichgewicht.

„… nicht exklusiv …‘ war absolut nicht das, was ich hören wollte; doch eine Lebenskrise löste Tonis Antwort trotzdem nicht aus. Zwar wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine stabile Zweierkiste. Aber ich war auf den Frust zumindest halbwegs vorbereitet. Gemäss einschlägiger Literatur, die ich schon vorgängig zum Thema gleichgeschlechtliche Liebe aufgeschnappt hatte, meist zufällig gefunden in irgendwelchen Zeitungen oder Illustrierten, waren dauerhafte Beziehungen in der Welt der warmen Brüder nämlich die ganz grosse Ausnahme, wenn nicht sogar ganz und gar unmöglich. Toni bestätigte mir bloss, was ich eh‘ schon ‚wusste‘, aber lieber nicht wahrgehabt hätte.

Eine vierjährige, berufsbegleitende Ausbildung absorbierte mich in jener Phase zeitlich massiv und lenkte mich vorläufig stark genug von dem unerfreulichen Umstand ab, sodass ich für einen emotionalen Sturzflug gar keine Zeit hatte. Abgesehen davon hatte ich ja nicht einen ‚Korb‘ bekommen, sondern lediglich keine Exklusivrechte.

Die Monate zogen ins Land, ich verbrachte viel Zeit in den Räumen des Stella Maris in Rorschach, zwecks Weiterbildung bei Josef Weiss, und ab und zu ein Wochenende, d.h. Samstagabend bis Sonntagabend, an der Bühlstrasse in Dietikon. Während der Woche arbeitete ich regelmässig bis spät in die Nacht hinein, meist bis 23 Uhr, um Lektionen für die nächsten Tage oder ganze Lektionsreihen für kommende Semester vorzubereiten.

Bald stand der Sommer vor der Tür, und ich stellte mir vor, dass ich in den drei weiterbildungsfreien Wochen viel Zeit gemeinsam mit Toni verbringen konnte. Fehlanzeige! Toni war von der Idee alles andere als begeistert. Er müsse sich auf Prüfungen an der Uni vorbereiten und hätte deshalb keine Zeit (für mich?), liess er mich wissen. Und abgesehen davon würde er es besser finden, wenn ich allein nach Paris reisen und dort meine Hörner abstossen würde. „Danach können wir dann ja weitersehen …“

Auch diese Enttäuschung nahm ich widerspruchslos hin; ein Recht auf gemeinsame Zeit hatte ich ja schliesslich nicht … ich sah es sogar als eine Art positive Perspektive, denn immerhin hatte Toni doch gesagt: „Danach können wir dann ja weitersehen …“. Daran, dass Toni mit Hörner abstossen vielleicht die Hörner meinte, die er mir bereits aufgesetzt hatte, und alle, die er mir auch in Zukunft aufsetzen würde, daran dachte ich natürlich nicht. Vive la naïveté!

Bevor ich mich auf den Weg nach Paris machte – mit Autostopp, Geld war ja nach wie vor nicht im Überfluss vorhanden – drückte mir Toni noch ein paar Adressen von Sehenswürdigkeiten in die Hand … alles schummrige Schwulenbars in der Rue Stainte-Anne, wie ich später feststellte.

C’était en fait l’ancien quartier gay de la capitale ! Les bars, restaurants, boîtes de nuit et hammams étaient réservés aux gays : la rue était un haut lieu de la libération sexuelle et artistique. Yves Saint-Laurent, Andy Warhol, Simone Signoret… les écrivains, couturiers et acteurs célèbres avaient d’ailleurs l’habitude de fréquenter le quartier. …. À la fin des années 70, entre les clubs et les beaux garçons qui tapinent sagement entre le boulevard de l’Opéra et la rue Thérèse, le quartier Sainte-Anne devient ainsi l’épicentre du Paris pédé attirant un public hétéroclite prêt à se dévergonder.

(pariszigzag.fr)

Die Strecke Zürich-Paris schaffte ich in einem einzigen Tag, mit nur zwei Fahrzeugen. Das erste war ein Ami-Schlitten, so wie man sie etwa heute noch in Miami sieht, oder in Havanna. Gross, breit, pink und selbstverständlich ‚decapotable‘, ein Cabriolet also. Der Fahrer und dessen drei Passagiere waren allesamt aufgestellte Studenten, die den Schlitten für den Papi des Fahrers nach Marseille bringen mussten. Er selber war geflogen. Marseille lag zwar nicht an der direkten Strecke nach Paris, aber – was soll’s – ich blieb bis kurz vor Marseille mit der fröhlichen Truppe zusammen und liess mich dann an einer günstigen Kreuzung absetzen, um dort mein Glück zu versuchen und möglichst noch am gleichen Tag Paris zu erreichen.


Kaum eine Viertelstunde später hielt ein Peugeot, nicht riesig, aber auch nicht wirklich klein. Der Fahrer war ein Geschäftsmann, der zufälligerweise auch nach Paris wollte und froh war, dass er die Strecke nicht ganz allein zurücklegen musste. – Cool! Abends um 5 kamen wir in Paris an. Ich liess mich an der Place Concorde absetzen und machte mich von dort aus auf die Suche nach einem kleinen, günstigen Hotel in der Nähe des Moulin Rouge.

Eigentlich wollte ich nur kurz in Paris bleiben und danach mit Autostopp weiter nach Calais und von dort aus mit der Fähre nach England.

Am ersten Tag regnete es. Am zweiten auch, und zwar in Strömen. So blieb es die ganze Woche, d.h geschlagene 8 Tage, und eine Wetterbesserung war nicht in Sicht.

Von den Museen und den schummrigen Bars in der Rue Sainte-Anne hatte ich in der Zwischenzeit genug, und die Wetterprognosen waren auch für London nicht günstig. Was nun?

Ich packte meine Siebensachen (in den grossen, orangefarbigen Tramperrucksack) und liess mich in einem Taxi zum Aéroport Charles de Gaulle bringen. Dort begab ich mich zum erstbesten Schalter der Swissair und erklärte, dass ich gern ein Ticket für den nächsten Flug nach Zürich hätte. „Je suis désolée“, meinte die Trulla hinter dem Desk mitleidig , „c’est impossible. Malheureusement nous n’avons que des places en business classe pour ce vol.“ – „Eh bien, et quel est le problème? – Donnez-moi une place en business, donc, s’il vous plaît.“ Etwas irritiert und sichtlich bemüht, sich die Überraschung nicht anmerken zu lassen, stellte die Mam’sell mein Ticket aus und checkte anschliessend den organgefarbigen Tramperrucksack ein.

Zwei Stunden später sass ich in der Businessklasse des Swissair Fluges CDG-ZRH. Lauter elegante Herren mit Kravatte, in dunklen Anzügen und mit Aktenmappen, besetzten die Sitze um mich herum. Und ich, in einer knallengen, blauen Jeans im ‚Twisthosenlook‘ und mit einem ebenso engen, grasgrünen Plüschpulli

Selbstverständlich nahm ich all die diskret fragenden, teilweise aber auch offen abschätzigen Blicke rund um mich herum wahr, aber ich liess mir nichts anmerken, und obwohl ich vor Freude und Spannung beinahe platzte – das war mein erster Flug – vertiefte ich mich beim Start scheinbar tief in ein Buch, so als ob ein Flug für mich nichts weiter als eine lästige Routineangelegenheit wäre …

Als ich zuhause ankam, meldete ich mich telefonisch bei Ruedi. Toni konnte warten. Das heisst, ich musste natürlich warten. Ich wollte Toni noch nicht wissen lassen, dass ich schon wieder zurück war. Zu peinlich.

Im Anschluss an die Sommerferien begann eine Phase in meinem Leben, auf die ich alles andere als stolz bin. Aber sie gehört nun einmal zu mir, und ich werde sie deshalb nicht verschweigen.

Mehr darüber aber ein Andermal …

Ausgebeutet …

Ich schicke gleich vorweg: bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr stand ich vorwiegend auf Männer, die älter waren als ich. Jüngere hatten bei mir nicht die geringste Chance. Nie. Never. Nunca. Jamás!

Erst ab ungefähr fünfzig konnte es sein, dass in Ausnahmefällen auch jüngere Vertreter des männlichen Geschlechts (40 Lenze waren jedoch nach wie vor die Mindestanforderung!) mein Interesse zu wecken vermochten. Das war aber eher selten, denn George Clooney, Jeremy Irons und Paul Verheul waren in etwa der Massstab für meine Auswahlkriterien ;.), womit die Latte (die Messlatte natürlich) relativ hoch gesetzt war. Grau meliert blieb nach wie vor mein bevorzugter Typ.

Schon in der fünften Klasse der Primarschule, hatte ich regelmässig Kontakt zu einem gut Dreissigjährigen, der regelmässig an der Tankstelle von Chalberer Päuli anzutreffen war, der dort aber ganz sicher nicht gearbeitet hatte. Er war einfach sehr häufig dort, warum auch immer.

Rückblickend betrachtet ich vermute ich, dass Edwin Knaus, so hiess der Mann – er dürfte in der Zwischenzeit verstorben oder wenigstens uralt sein – ein ‚G’schleik‘ mit Päuli hatte, welcher Zeit seines Lebens unverheiratet blieb und mit dem Erlös aus seiner Tankstelle und der angegliederten Velowerkstatt sein eigenes, bescheidenes Leben finanzierte, das seiner Schwester Hanna und jenes von Frau Andreoli. Andreoli war, wenn ich mich nicht irre, Witwe. Im gleichen Haushalt lebte zeitweise auch Heinz Kalberer, ein junger Mann, von dem ich bis heute nicht weiss, zu wem er eigentlich gehörte. Er war einfach auch irgendwie da, und er pflegte, tagelang allein Fussball gegen Päulis Garagentor zu spielen.

Päuli, ein hagerer, hochgewachsener Mann mit auffälligem, rötlichem Oberlippenbart, war ein ruhiger und gutmütiger Typ, unauffällig und meistens in einem Overall. Unter der Woche widmete er sich als sein eigener Boss der Arbeit als Fahrrad-Mechaniker und Tankstellenbesitzer. Nur am Wochenende, wenn das Wetter schön genug war, verwandelte er sich manchmal in einen eleganten Herrn mit schicken Klamotten und weissen Handschuhen. In meiner Erinnerung sehe ich ihn etwa so wie damals Lukas Ammann als Gentleman-Detektiv Graf Yoster in der ARD Fernsehserie ‚Graf Yoster gibt sich die Ehre‘, die von 1967 bis 1976 von der Bavaria Atelier GmbH produziert wurde.

An den besagten Sonntagen holte Päuli jeweil seinen luxuriösen Mercedes Sport, den er unter der Woche, wenn nicht zu viel Arbeit in der Werksatt anstand, mit viel Liebe hegte, pflegte und stundenlang polierte, aus der Garage, und machte sich damit aus dem Staub, raus aus dem kleinkarierten Flums, auf nach … keine Ahnung wohin. Ging mich auch gar nichts an, aber ich vermute halt, dass er auf einem dieser Ausflüge auch diesen Knaus kennenlernte, der danach regelmässig bei Päuli anzutreffen war.

Wir Jungs aus der Nachbarschaft durften jeweils Päulis Tankstelle bedienen, wenn er anderweitig beschäftigt war. Eine klassische Win-Win-Situation. Seine Kasse klimperte mit jedem verkauften Liter Benzin, egal wer die Tankstelle bediente, er brauchte keinen Angestellten zu bezahlen, und wir konnten uns dabei ein Trinkgeld verdienen. Am besten lief das ‚Geschäft‘ im Winter, vor allem an den Wochenenden, wenn viele Zürcher zum Skifahren in die Flumserberge fuhren.

Um zu vermeiden, dass ihnen auf der Bergfahrt der ‚Most‘ ausging, benutzten nicht wenige von Ihnen die Möglichkeit, bei Päuli noch einmal den Tank aufzufüllen, bevor sie sich in die nur langsam vorankommende Kolonne auf der Bergstrasse in Richtung Tannenheim und Tannenbodenalp einreihten. Abgesehen davon, dass es an diesen Wochenenden mehr Kundschaft gab, waren die Zürcher auch grosszügiger als die Einheimischen, was das Trinkgeld anging ;-).

So kam es, dass ich mit 12, 13 Jahren relativ viel Zeit an der Tankstelle verbrachte, an der auch dieser Knaus ständig anzutreffen war. Irgendwie und irgendwann ergab es sich, dass Knaus sich an mich ranmachte. Ich empfand das zwar nicht als angenehm, sondern vielmehr peinlich, zumal ich ja nur zu gut wusste, dass ich da eigentlich etwas Verbotenes zuliess. Oder tat. Aber es war mir auch nicht besonders unangenehm, und da die Neugier grösser war als die Bedenken, wehrte ich mich nicht, gerade weil es eben verboten und damit sowieso noch viel interessanter war, wie alles Verbotene. Schliesslich brauchte es ja auch niemand zu erfahren. Ich liess es also einfach geschehen, ohne mir gross Gedanken über eventuelle Folgen zu machen.

Irgendwann war dann aber meine Neugierde befriedigt, und das machte ich Knaus unmissverständlich klar. Er akzeptierte das und liess mich fortan in Ruhe. Game over. Nur einmal noch versuchte er mich rumzukriegen, indem er mir Geld anbot. Das lehnte ich aber entschieden ab. No way! Was bis zu jenem Zeitpunkt geschehen war, war für mich kein Problem. Hätte ich jedoch Geld dafür angenommen, hätte ich mich schmutzig gefühlt.

Damit war für mich die Angelegenheit erledigt. Das glaubte ich wenigstens. Vorerst. Aber ein gutes Jahr später holte die Vergangenheit mich ein. Meine Eltern bekamen ein Aufgebot für mich; ich sollte wegen einer Zeugenaussage zu einem Sexualdelikt beim Bezirksrichteramt vorstellig werden. Was konnte das bloss sein? – Knaus natürlich!

Jemand hatte ihn offenbar wegen Unzucht mit Minderjährigen angezeigt und in diesem Zusammenhang wohl auch meinen Namen ins Spiel gebracht. Und die Namen der anderen Jungs, die regelmässig an der Tankstelle anzutreffen waren.

Der Richter erzählte mir, was er von den anderen bereits wusste und fragte mich, ob Knaus auch mich unsittlich berührt hätte. Dies abzustreiten, nachdem die anderen ‚Opfer‘ bereits ausgesagt hatten, hielt ich für wenig sinnvoll, weshalb ich unumwunden zugab, dass das auch mir passiert sei. „Aber nein, Geld habe ich dafür nie angenommen“, ergänzte ich meine Aussage wahrheitsgemäss, als ich auch danach gefragt wurde.

Knaus kam in den Knast, obwohl sein ‚Verbrechen‘ für mich zu keinem Zeitpunkt ein Problem darstellte. Es war aber offenbar ein grosses Problem für die Gesellschaft. Sie nämlich, sie und ihre Gesetze bestimmten, dass ich ausgebeutet worden, deshalb als Opfer anzusehen und der schändliche Verbrecher hinter Gitter zu bringen sei. Ich selber fühlte mich zu keinem Zeitpunkt ausgebeutet, und schon gar nicht als Opfer. Das interessierte niemanden.

Es waren meine Neugier und der Umstand, dass meine Eltern sowieso keine Zeit für mich hatten, weil sie Wichtigeres zu tun hatten, was mich das ‚Abenteuer‘ aus purer Neugier eingehen liess. Das sehe ich auch heute noch so. Meine Eltern mussten sich um ihr Geschäft kümmern – das ist kein Vorwurf, sondern eine nackte Tatsache – sie hatten schliesslich fünf hungrige Mäuler zu stopfen, was in der damaligen Zeit beileibe keine einfache Sache war.

Aber der Termin beim Bezirksrichter traumatisierte mich. Die peinliche Befragung und nicht zuletzt die Tatsache, dass Knaus möglicherweise aufgrund meiner Aussage im Knast landete. Vor allem aber der Umstand, dass der Richter mir auch noch, so quasi als Prognose, unter die Nase schmierte, ich sollte mich in Acht nehmen, denn alle Männer, die in ihrer Jugend so missbraucht worden seien, würden später auch Kinder missbrauchen und eher früher als später vor dem Richter und dann im Knast landen, wie Knaus … wenn sie ihrem sinnlosen Leben nicht vorher durch Selbstmord ein Ende bereitet hätten. – Boah! Das sass!

Was der Richter aus einem für mich absolut harmlosen Abenteuer machte, weckte nicht nur Unbehagen in mir, sondern Angst. Verzweiflung und Verwirrung. Knaus hatte mir – aus meiner Sicht – nichts Böses getan. Aber meine Sicht war nicht gefragt. Das Urteil dieses Richters führte mir vor Augen, wie unfähig, undifferenziert und häufig völlig unverhältnismässig die Gesellschaft damals im Umgang mit Themen war, die irgendetwas mit Sexualität zu tun hatte. Ist das heute besser? Ich glaube nicht. Es kommt nicht von Ungefähr, dass ich seit geraumer Zeit jedesmal, wenn ich einer hübschen Frau ein Kompliment mache, sofort hinterherschiebe: „Aber mach dir keine Sorgen. Das war jetzt gerade keine Anmache. Ich bin gay.“ Und Männern (ausser meinem eigenen :-)) mache ich besser schon gar keine Komplimente mehr. Ich will keine Anzeige wegen sexueller Belästigung am Hals …

Ein Berufskollege, J.M., wurde aufgrund eines blossen Verdachts, zu grosses Interesse an den Mädchen seiner Klasse gezeigt zu haben, von einem Tag auf den anderen suspendiert. Zwar stellte sich bald heraus, dass der Verdacht unbegründet und er unschuldig war. Eine Stelle als Lehrer bekam er trotzdem nie wieder. Er starb vor einigen Jahren verbittert und vereinsamt.

Ich hatte Glück … in der gleichen Schulgemeinde wie J.M.

Ich erinnere mich daran, dass die Eltern einer meiner Schülerinnen mich eines Tages anriefen, um einen Gesprächstermin mit mir zu vereinbaren. Sie erzählten mir, ihre Tochter sei nach Hause gekommen und hätte ihnen mitgeteilt, dass ich sie nach dem Unterricht allein zurückbehalten und geküsst hätte. Aber sie seien nicht sicher, ob sie das glauben könnten, denn … es sei doch eigentlich bekannt, dass … „Ja, ja, das haben Sie schon richtig gehört. Sie dürfen beruhigt sein. Ich stehe nicht auf Frauen, und auf kleine Mädchen schon gar nicht. Aber auch nicht auf kleine Jungs, damit das klar ist … ich fühle mich nur von erwachsenen Männern, und zwar von jenen der Kategorie Ü40 angezogen. Danke dafür, dass sie mich direkt mit der Aussage Ihrer Tochter konfrontiert haben.“

Am nächsten Tag informierte ich die Schulbehörden über den seltsamen Vorfall, damit sie bereits informiert wären, falls sich irgend ein Gerücht verbreiten sollte. Das Mädchen kam kurz danach, auf Antrag der Eltern, vorübergehend in ein Internat mit psychologischer Begleitung … Für mich hatte die Sache glücklicherweise kein Nachspiel, vielleicht weil die Behörden eh‘ wussten, dass ich schwul bin. Für einmal war das ein Vorteil.

Für alle also, die das nicht sowieso schon wussten: ich wurde meines Erachtens nie ausgebeutet, und ich habe trotz der verstörenden Prognose des Bezirksrichters nie auch nur das geringste Verlangen nach Jugendlichen unter 40 Jahren verspürt 🙂

Was für Gedanken lösen das Thema sexuelle Belästigung und der Umgang der Gesellschaft damit bei dir aus? Ich meine, es wäre höchste Zeit für radikale Aufklärung und eine gewisse Entspannung … Sexueller Missbrauch gegen den Willen – nicht nur von Minderjährigen – gehört bestraft. Zweifellos. Damit bin ich absolut einverstanden.

Aber wenn schon ein einfaches Gerücht genügt, um eine Karriere, ein Leben zu runinieren, wie im Fall von J.M. , dann stimmt etwas mit unserem moralischen Kompass ganz und gar nicht mehr.

Oder wenn ein durch die Gesetze der Gesellschaft definiertes Opfer, wie in meinem Fall, nicht durch den ‚Täter‘, sondern durch beschissene (Vor)Urteile von Richtern und Gesellschaft traumatisiert wird, dann stimmt zweifellos auch etwas nicht … Oder? Think about it! Und lass mich wissen, wie du das siehst. Es interessiert mich wirklich.

What’s wrong?